Eine nette, freundliche Dienerin öffnete die Thür, und Agathe trat in den Vorflur. Auf ihre Frage nach Onkel und Tante sagte das Mädchen verlegen, der Herr sei verreist, und Madame eben im Begriff, in Gesellschaft zu gehen; sie wolle das Fräulein aber anmelden. Agathe ging es wie ein Frost durch die Glieder; das war ein sonderbarer Empfang. Sie hatte sich so unsäglich danach gesehnt, diesen Verwandten an das Herz zu sinken, diesen guten Menschen, die sich der armen Waise erbarmten; aber konnte sie das nun? Mit klopfendem Herzen folgte sie endlich der zurückkehrenden Dienerin, welche sie in ein elegantes Zimmer führte, mit der Weisung, sich etwas zu gedulden, Madame werde gleich kommen.
Agathe harrte bangen Herzens; die Erwartung wollte ihr den Athem fast rauben. Endlich ging die Thür auf, und eine große, stattliche Dame in eleganter Toilette trat rauschend in das Zimmer. Sie blieb einen Augenblick stehen, dann streckte sie dem jungen Mädchen ihre mit vielen Ringen bedeckte Hand hin und sagte mit etwas schleppendem, affectirten Tone: »So, bist du da? Guten Tag, liebe.... Wie heißt du doch?«
»Agathe, liebe Tante!« flüsterte diese ängstlich und kam zaghaft herbei, der Dame die dargebotene Hand zu küssen. Doch noch hatte sie sich der Tante nicht ganz genähert, als sich plötzlich ein wüthendes Hundegebell erhob, und ein kleiner Bologneserhund zähnefletschend auf Agathe losfuhr. Erschrocken sprang diese einige Schritte zurück; die Tante aber lachte laut auf und hob den kleinen Hund auf den Arm, indem sie ihn herzte und küßte.
»Du spaßhafter, kleiner Bursche, willst wohl nicht leiden, daß man deiner Herrin die Hand küßt?« rief sie, den Hund von Neuem liebkosend. »Denkst, du hast allein das Recht dazu, mein kleiner Liebling? Soll dich wohl wieder gut machen für den Kummer, den ich dir verursacht, nicht wahr, kleines Bellochen? Nun so komm, weißt ja, wo's was Gutes für dich giebt, du Schelm!«
Dabei ging sie nach einem Glasschranke, und holte eine Hand voll des schönsten Confectes heraus, das sie dem Hunde darbot. Dieser beschnupperte es, wählte sich einige Stücke davon aus, und ließ sich dann beruhigt nach einem zierlichen Korbe tragen, in welchem von rothseidenen Betten sein Lager bereitet war, über das sich ein ebensolcher Baldachin wölbte.
Agathe hatte all' dem staunend und mit weit geöffneten Augen zugeschaut; sie glaubte zu träumen. Die Tante jedoch unterbrach ihre Reflexionen, indem sie sich jetzt wieder zu ihr wandte und sagte: »Du siehst, ich habe den kleinen Kerl etwas verwöhnt; aber er ist mir so lieb, daß ich ihm nichts verweigern kann. Ich hoffe, ihr werdet auch gute Freunde werden; denn ich will ja meinen kleinen Liebling deiner speciellen Sorge anvertrauen. Meine alte Cousine, die ihn bis jetzt versorgte, versteht ihn nicht richtig zu behandeln; deshalb ist es mir ganz lieb, daß du zu uns kommst! Aber jetzt muß ich fort, liebes Kind,« schloß die Dame, einen prachtvoll türkischen Shawl um die Schultern schlingend; »laß dir in der Leutestube etwas zu essen geben, wenn du Hunger hast!«
Dabei ging sie mit affectirt vornehmer und majestätischer Haltung an Agathen vorüber, und nickte ihr einen leichten Gruß zu; dann war sie fort. Agathe stand lange wie gelähmt noch immer an derselben Stelle und blickte der Tante mit starren, verwunderten Augen nach. Sie also war es, die ihr die Mutter ersetzen sollte! Wieder lief es dem jungen Mädchen wie Eis durch die Adern, und voll Schrecken überdachte sie die Worte, welche sie gehört hatte. Unfreundlich war die Tante nicht gewesen, das mußte sich Agathe gestehen; aber doch hatte sie ihr nicht ein Wort gesagt, das sie freundlich im Hause willkommen geheißen, nicht eines, das ihr warm zum Herzen gesprochen hätte. »Ich will meinen kleinen Liebling deiner Sorge anvertrauen; deshalb ist es mir ganz lieb, daß du zu uns kommst!« Das war eigentlich der Inhalt der Rede, die sie begrüßt hatte. »Also Hundewärterin!« sprach Agathe leise vor sich hin und blickte nach der Wiege des Schooshundes. »Deshalb bin ich hier willkommen, nur deshalb!« — »Aber nein, ich thue der Tante gewiß Unrecht,« dachte sie dann wieder; »ich bin so reizbar, so empfindlich, hatte einen so anderen Empfang erwartet! Es wird gewiß anders, wenn ich erst hier bekannt bin. Die Tante ist gewiß gut, sonst wäre sie zu dem Hunde auch nicht freundlich.« Lange stand das junge Mädchen und überdachte in dieser Weise alles, was sie gehört und gesehen; da endlich öffnete sich die Thür, und ein altes, gutes Gesicht blickte herein.
»Willst du nicht etwas Warmes genießen, liebes Kind?« sprach eine sanfte Stimme, und Agathe sah nun eine kleine, verwachsene Frauengestalt neben sich, deren unregelmäßiges, altes Gesicht mit gewinnender Freundlichkeit zu dem jungen Mädchen aufblickte.
»Ich bin die Cousine, liebes Kind!« sprach sie zutraulich, Agathes fragende Blicke verstehend. »Ich besorge das Hauswesen und habe dir etwas Warmbier zurecht gemacht. Ich denke, es soll dir gut thun. Willst du mit mir kommen?«
Agathe folgte ihrer gutherzigen Führerin nach einem kleinen Zimmer, das neben der Küche lag, und das ganz hübsch und behaglich aussah, so einfach auch die Einrichtung desselben war. Ein kleiner, gedeckter Tisch stand am Fenster, und bald füllte der Duft des würzigen Warmbiers die Stube und erregte in Agathen lebhafte Eßlust, denn sie hatte den Tag über wenig genossen. Die Cousine leistete ihr Gesellschaft, und gemüthlich saßen sie in traulichem Geplauder beisammen. Agathe war glücklich, ein Wesen hier zu finden, das ihr Theilnahme bewies, und gegen das sie sich aussprechen konnte.