»Ja, es ist ein wunderliches Haus, in das du hier eintrittst, liebes Kind!« sagte die Cousine seufzend, nachdem Agathe ihre Verwunderung über den sonderbaren Empfang ausgesprochen hatte; »du wirst dich noch über vieles verwundern.«
»Aber der Onkel, liebe Cousine, wie ist denn der?« sprach das junge Mädchen gespannt.
»Mein Vetter! Hm, der möchte freilich wohl manches anders haben!« erwiederte die Kleine; »aber was kann das helfen! Er ist ein guter, lieber Mann; aber seine Schwäche erlaubt ihm nicht, der Frau zu wehren, wenn sie launisch und böse ist, und so bleibt es beim Alten. Sie regiert, er gehorcht, das ist das Ende von allen Dingen.«
»Wo ist er denn? Ich hatte gehofft, ihn sogleich kennen zu lernen!« seufzte Agathe.
»Mein Vetter freute sich auch darauf; aber die Cousine brauchte allerlei für das Geschäft; da mußte er fort, er mochte wollen oder nicht!« sagte Jene. »Aber morgen früh kommt er zurück.«
»Für das Geschäft? Was denn für ein Geschäft?« entgegnete Agathe. »Ich glaubte, der Onkel sei Buchhalter des Hauses F. und habe selbst kein Geschäft?«
»Er nicht, aber sie!« sagte die Cousine. »Es ist ein Putzgeschäft, das Madame als Mädchen schon gehabt hat, und da es ihr selbst keine Mühe macht, aber Geld einbringt, so setzt sie es fort: denn Geld braucht sie zu ihrem Staate mehr, als er ihr geben kann. Unter den Nätherinnen wirst du nun wohl auch dein Plätzchen bekommen, liebe Agathe; Madame hat schon davon gesprochen.« »Ich soll Putzmacherin werden?« rief Agathe auffahrend, und helle Gluth bedeckte ihr bleiches Gesicht. »Wenigstens weiß ich es nicht anders!« entgegnete die Cousine achselzuckend.
Agathen entsank der Bissen Brod, den sie zum Munde führte, und Thränen stürzten aus ihren Augen. »O meine schönen Träume!« rief sie traurig und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Die gute Alte blickte mitleidig auf das junge Mädchen und seufzte leise, dann aber suchte sie ihr Muth und Trost zuzusprechen. Sie irre sich vielleicht; die Tante habe es vielleicht ganz anders im Sinne, als sie sich denke, und am Ende könne es einem jungen Mädchen ja nicht schaden, wenn sie etwas Putzmachen lerne; es sei eine gar gute und nützliche Zugabe für's Leben. Agathe war gern bereit, Trostgründen Gehör zu leihen, auch konnte sie den vernünftigen Worten ihrer Gefährtin nicht so ganz Unrecht geben. Sie sprachen noch eine lange Zeit mit einander; endlich aber fielen Agathen die Augen vor Müdigkeit zu, und die Cousine führte sie in ein Nebenzimmerchen, in welchem außer wenigen Meubel zwei Betten standen.
»Wir schlafen hier zusammen, liebes Kind,« sagte die gute Alte freundlich; dann half sie dem jungen Mädchen beim Auskleiden, und trotz der vielen Gedanken, welche auf Agathe einstürmten, schloß der Schlaf dennoch bald ihr müdes Auge, und führte sie zurück in den lieben, schönen Kreis, den sie verlassen. —