[Drittes Kapitel.]
Erster Morgen.
Als Agathe am folgenden Morgen erwachte, konnte sie sich lange Zeit gar nicht besinnen, wo sie denn sei und was mit ihr vorgegangen. Das freundliche Gesicht der alten Cousine, das zur Thür herein schaute, rief ihr jedoch sogleich alles Erlebte zurück, und schnell erhob sie sich, um sich anzukleiden.
»Der Onkel ist soeben zurück gekommen,« sagte die Cousine. »Er erwartet dich vorn im Zimmer; eile dich, liebes Kind!«
Agathe kleidete sich so schnell als möglich an, und bald hatte sie ihre Toilette beendet. Sie trug noch Trauerkleider; denn ihre Mutter war erst kürzlich gestorben.
In dem kleinen Zimmer nebenan, dessen Thür Agathe zögernd öffnete, kam ihr der Onkel, ein kleiner, starker Mann, mit ausgebreiteten Armen entgegen.
»Sei mir willkommen, mein liebes Kind!« sagte er sanft und zog das junge Mädchen in seine Arme. Agathe schmiegte sich bewegt und glücklich an die Brust des lieben Mannes, den sie zwar noch nie gesehen, aber der sie so herzlich begrüßte, als sie nur hoffen und wünschen konnte. Nun stellte dieser das junge Mädchen vor sich hin und betrachtete sie prüfend von oben bis unten.
»Ganz wie meine liebe, gute Schwester, als sie so jung war!« rief er dann bewegt und streichelte Agathes Wange. Ganz ihre lieben, blauen Augen und das weiche, braune Haar! »Sei nur auch so fromm und brav, als sie es war, mein Kind, so wird es dir gut gehen.« Das junge Mädchen küßte die Hand das Onkels, dieser aber sagte etwas hastig: »Jetzt komm aber zu meiner Frau, sie erwartet dich, und — und wenn sie vielleicht manchmal etwas streng gegen dich ist, so denke immer, sie meint es gut mit dir, und verliere den Muth nicht; es wird alles schon ganz gut werden.« Agathe folgte dem Onkel und fand in dem Zimmer, in welchem die Tante sie gestern empfangen, einen reich besetzten Frühstückstisch, an dem Madame in Gesellschaft ihres Hundes das Frühstück einnahm.
Agathes freundlichen Morgengruß erwiederte sie mit leichtem Kopfnicken; dann aber wandte sie sich zu ihrem Gatten und sagte verdrießlich: »Du läßt mich lange warten, Albert! Ich dächte, Agathe konnte zu dir kommen, statt daß du sie aufsuchtest!«
»Nein, liebe Marie, ich hatte sie gestern bei ihrer Ankunft nicht begrüßen können, darum ging ich gleich jetzt zu ihr,« sagte Herr Niedrer sanft. »Uebrigens brauchtest du ja nicht mit dem Frühstück auf uns zu warten.«