»Das habe ich auch nicht! Aber du weißt, daß ich Bellochen die Milch nicht gern selbst gebe, das ist deine Sache!« sagte Madame ärgerlich. »Das arme, kleine Thier stirbt fast vor Hunger.«

Der gehorsame Gatte ergriff schnell die zierliche Schale mit Milch, blies, daß sie sich abkühlte, und neigte sich dann zu dem Hunde herab, der knurrend den Morgentrunk zu sich nahm. Den Kuchen, aus welchem ferner das Frühstück des Kleinen bestand, reichte ihm die Hand seiner Herrin. Bellochen beliebte es jedoch, von demselben nur die oberste Zuckerdecke abzulecken; den darunter liegenden Kuchenteig stieß er knurrend mit der Schnauze von sich, und Madame griff schnell nach einem andern Stück Kuchen, das der liebe Hund dann abermals in gleicher Weise beknabberte. Darauf streckte sich das Thier gähnend und mit der Zunge die Schnauze beleckend und legte sich endlich mit geschlossenen Augen auf dem Sopha zurecht, an der Seite Madames.

Agathe hatte belustigt zusehen; aber sie wußte nicht, ob sie es wagen durfte, sich an den Tisch zu setzen, da die Tante gar keine Notiz von ihr nahm. Sie zupfte ängstlich an ihrem Taschentuche, strich sich den kleinen Kragen glatt und trat verlegen von einem Fuße auf den andern.

»Aber so komm doch näher, du schüchternes Kind, und frühstücke mit uns!« rief jetzt der Onkel, der ihre Verlegenheit bemerkte, und schob einen Stuhl herbei, auf dessen äußerster Ecke Agathe schüchtern Platz nahm.

»Ich dächte, sie könnte sich den Stuhl wohl selbst holen; junge Mädchen müssen sich nicht bedienen lassen!« sagte Madame scharf. Ein peinliches Schweigen entstand, das nur durch das Geklapper von Tassen und Löffeln unterbrochen wurde, und Agathen stand der Angstschweiß auf der Stirn. Sie dachte mit Sehnsucht an die frohe Frühstücksstunde in der Pension, wo sie zwar nur Milch und trocknes Weißbrod erhielten; aber wie viel tausend Mal besser hatte ihr dies geschmeckt, als hier in diesem eleganten Zimmer der süße Kaffee und das leckere Gebäck, welches der Onkel ihr reichlich zuertheilte. Die Tante kümmerte sich um nichts, als um ihren Hund, der etwas verstimmt schien, denn er fing an zu knurren und sich unruhig hin und her zu werfen. Wahrscheinlich litt er an Verdauungsbeschwerden.

»Wie sehr Agathe meiner Schwester gleicht, Marie!« sagte der Onkel endlich, die Stille unterbrechend. — »Ich glaubte, deine Schwester sei schön gewesen,« erwiederte Frau Marie gleichgültig.

»Ja, das war sie auch, und Agathe hat ganz diese hellblauen Augen. Sie wird ihr gewiß noch viel ähnlicher werden, wenn sie älter ist,« sagte der Onkel.

»So? Nun meinetwegen; aber so lange sie dieses blasse Gesicht hat, ist von Schönheit keine Rede,« entgegnete die Tante und streckte sich auf dem Sopha. »Aber laß mich jetzt in Ruhe; ich bin wieder so furchtbar angegriffen.«

»Ach leiden Sie auch an den Nerven, wie meine Mama?« wagte jetzt Agathe zu sagen. »Sie sehen so wohl aus; ich hätte es nicht gedacht!«

Das war ein schlimmes Wort, das schlimmste fast, was sie hätte sagen können! Es berührte den unangenehmsten Punkt in den Empfindungen Madames; denn niemand durfte daran zweifeln, daß sie schwach und leidend sei, obwohl sie nur aus Bequemlichkeit und Ziererei die Kranke spielte.