Unwillig blickte sie deshalb Agathe bei diesen Worten an, und das helle, blaue Auge erhielt etwas so Stechendes, daß Agathes Herz erzitterte.
»Denkst du etwa, ich verstelle mich?« rief sie, dunkelroth vor Aerger. »Das sind oft gerade die schlimmsten Uebel, bei denen man wohl und blühend aussieht!« — »Aber,« fuhr sie dann streng fort, »jetzt mein Kind, steh' auf, und mache dich nützlich! Hier, übernimm gleich zuerst dein tägliches Geschäft, meinen kleinen Bello zu waschen und ihm dann die Locken zu kämmen. Aber daß du ihm ja nicht weh thust, wie die Cousine, die immer so furchtbar unzart mit dem armen Thierchen umgeht!«
Agathe war sehr erschrocken über den Verweis, den sie erhalten, und verschluckte nur mit Mühe die Thränen. Schnell stand sie vom Stuhle auf und näherte sich dem Hunde, um ihn auf den Arm zu nehmen. Aber knurrend fletschte ihr dieser die Zähne entgegen und drohte zu beißen. Das brachte der Tante ihre gute Laune zurück; lachend gab sie Agathen ein Stück Zucker und sagte: »Du mußt dir erst seine Gunst erwerben. Da, gieb ihm das, dann wird er nicht beißen.«
Agathe that, wie ihr geboten, und wirklich ließ sich der verzogene, kleine Hund jetzt ruhig auf den Arm nehmen.
»Geh' nur zur Cousine, die wird dir zeigen, was du zu thun hast; aber eile dich, es wartet noch andere Arbeit!« rief die Tante, und Agathe war froh, auf diese Weise wenigstens wieder zum Zimmer hinaus zu kommen; ihr Schutzgeist, der Onkel, war schon vor ihr fortgegangen, seinen Geschäften nach, die ihn bis Mittag vom Hause fern hielten.
Aber welch' böse Arbeit war diese Hundetoilette! Mit warmem Wasser und feiner Seife wurden die langen Haare des Thieres erst wieder und wieder gebadet, dann säuberlich abgerieben und endlich mit Kamm und Bürste gekämmt und geglättet, als wären es die Locken eines kleinen Kindes. Aber Bello betrug sich bei seiner Toilette viel schlimmer, als das unartigste Kind; denn er zappelte und bellte und biß um sich, da ihm Agathe eine fremde Wärterin war, so daß diese ohne die Hülfe der Cousine nimmermehr damit zu Stande gekommen wäre. In Schweiß gebadet, mit verschobenen Kleidern und zerkratzten Händen trug sie das kleine Ungethüm endlich zu seiner Herrin zurück, welche noch immer behaglich auf dem Sopha ruhte, und in die Lectüre eines Romanes vertieft war.
»Hier, gieb dem Thierchen sein zweites Frühstück!« rief nun Madame, Agathen Semmel, Butter und feine Wurst hinschiebend. Das junge Mädchen schnitt ein zierliches Brödchen ab, bestrich es mit Butter und legte eine Wurstscheibe darauf.
»Mein Gott, schmiere doch nicht so mager!« rief Madame entrüstet, »und ich glaube gar, du verlangst, daß Bellochen die Schale mitessen soll!« — Still lächend verbesserte Agathe die Fehler und hielt dem Hunde das Frühstück hin. Das Thier knurrte verdrießlich, fraß erst die Wurstscheibe vom Brode, dann leckte er die Butter ab; mehr aber mochte er nicht, er war entschieden nicht bei Laune. »Das arme, kleine Thier!« rief Madame ängstlich; »wenn er nur nicht krank wird! Lege ihm sein Bettchen glatt, er wird schlafen wollen.«
Als Agathe den Hund auf sein Lager möglichst sanft gebettet hatte, sagte die Tante, sich vom Sopha erhebend: »Nun komm mit mir; ich will dir zeigen, was du weiter thun sollst, denn ein junges Mädchen muß immer fleißig sein, und wer essen will, muß auch arbeiten.«
Sie ging schnell voraus, durchschritt ein Nebenzimmer und öffnete endlich die Thür eines großen Gemaches, in dem eine Anzahl junger Mädchen eifrig bei der Arbeit saßen. Vor ihnen auf großen Tischen lag eine Menge Draht, Stroh, Seidenzeug, Band und Blumen, sowie angefangene Hüte und Hauben, und lustig flogen die Finger mit der Nadel durch die Arbeit. Als Madame Niedrer eintrat, erhoben sich die jungen Mädchen grüßend und setzten um so eifriger ihre Näherei fort.