»Hier bringe ich Ihnen eine neue Schülerin, Fräulein Schneider,« sagte Madame und wandte sich zu einer etwas ältlichen Dame, welche den jungen Mädchen zur Seite auf einem erhöhten Stuhle saß.
»Meine Nichte Agathe wird jetzt hier mit arbeiten; haben Sie die Güte, sie anzuleiten. Komm Agathe,« sprach sie dann zu dem zaghaft um sich blickenden Mädchen, »hier ist Fräulein Schneider, die Directrice des Geschäfts. Sie wird dir zeigen, was du zu thun hast; gieb dir ja rechte Mühe, etwas zu lernen.«
Nach diesen Worten wandte sie sich zu den jungen Näherinnen und betrachtete deren Arbeit. Mit einigen war sie zufrieden, an vielen aber hatte sie etwas zu tadeln, und besonders lange sprach sie mit Fräulein Schneider über die Garnirung der Hüte, welche sie anders wünschte. Agathe bewunderte im Stillen, wie gut die Tante mit all' diesen Sachen Bescheid wußte, und besonders, wie schön und geschmackvoll die Anordnungen waren, welche sie für die Zusammenstellungen der einzelnen Theile gab. Aber der Ton, in welchen sie mit den Damen redete, war nicht angenehm. Kurz und bestimmt gab sie ihre Befehle, zwar nicht unfreundlich, aber kalt und scharf, wie Nordwind. Alles athmete auf, als sie sich endlich wieder entfernte. Die jungen Mädchen blickten sich bedeutungsvoll an und zischelten lachend unter einander, und auch Fräulein Schneider schaute froher d'rein, als vorher. Sie bat Agathe, neben ihr Platz zu nehmen und gab ihr eine leichte Arbeit in die Hand.
»Haben Sie schon etwas Putzmachen gelernt, Fräulein?« sagte sie dabei freundlich.
»Nein, niemals,« entgegnete Agathe. »Ich komme eben aus der Pension und da hatten wir zu Handarbeiten wenig Zeit.«
»Ist es Ihr Wunsch, das Putzmachen zu lernen?« fragte die gute Dame theilnehmend weiter.
»Ach nein, mein Wunsch ist es bis jetzt nie gewesen,« sagte Agathe unbefangen. »Ich wollte ja so gern Erzieherin werden.«
»Erzieherin?« rief Fräulein Schneider verwundert. »Welche sonderbare Idee! Da muß man ja so viel lernen! Nein, liebes Kind, werden Sie lieber Putzmacherin; das ist eine leichte, angenehme Beschäftigung, so recht etwas für uns Damen, und wer sein Fach gut versteht, der findet immer sein Brod dabei. Das sehen Sie am Besten an Madame Niedrer, unserer Frau Principalin. Sie hat sich als Mädchen schon damit ihren guten Unterhalt verdient, und jetzt ist es ihr immer noch eine schöne Erwerbsquelle, denn sie hat gar vornehme Kundschaft. Aber freilich, einen bessern Geschmack, als Madame, hat auch niemand unter den Modisten in ganz Leipzig; das muß man sagen! Obwohl sie jetzt nicht mehr selbst arbeitet, so versteht sie die Sachen doch besser, als wir Alle, und ehe sie nicht gesehen hat, wie ein Hut oder eine Haube garnirt ist, schicke ich nichts nach dem Verkaufszimmer. — Da sehen Sie z. B. diese Capotte!« fuhr die gesprächige Dame lebhaft fort und hob einen violetten Sammthut empor. »Ich wollte sie mit grünen Blättern und weißen Knospen garniren; es sah recht hübsch aus. Aber Madame warf nur einen Blick darauf, und da sah ich wohl, wie wenig ihr mein Arrangement gefiel. Und ich muß ihr Recht geben; denn kann man wohl etwas Geschmackvolleres finden, als diese dunklen Stiefmütterchen mit dem feinen goldnen Rande, welche sie statt der Blätter und Knospen wählte? Der Hut ist dadurch so fein, so vornehm geworden, daß ihn eine Prinzessin aufsetzen könnte, ohne sich der Arbeit zu schämen. Nun wer weiß, was kommt. Es wäre nicht das erste Mal, daß der Hof uns mit seinen Aufträgen beehrte; denn in Dresden hat man gar keinen Geschmack. Leipzig ist klein Paris, und Madame Niedrer's Geschäft kann es mit jedem Pariser Modistenladen aufnehmen; das weiß ich so sicher, als ich schon seit 10 Jahren hier auf diesem Stuhle sitze!« Sie sprach dies alles mit einem unaussprechlichem Stolze und Selbstbewußtsein, und ihre kleine Gestalt wuchs ordentlich auf dem hohen Stuhle. Agathe aber blickte mit stillem Entsetzen zu der gesprächigen Dame auf, denn der Gedanke, zehn Jahre hindurch hier zu sitzen, Tag für Tag, Sommer und Winter, von Morgens früh bis Abends spät, erregte ihr förmlich ein Grauen.
»Zehn Jahre? Das ist ja schrecklich! Ist Ihnen das Putzmachen denn da nicht unerträglich geworden?« rief sie unwillkürlich und seufzte tief auf.