Die jungen Mädchen stießen sich mit dem Ellbogen gegenseitig an und lachten heimlich; Fräulein Schneider aber sah mit strengen Blicken von ihrem Throne herab und rief: »Lassen Sie das alberne Lachen, meine jungen Damen. Fräulein Agathe wird bald selbst finden, wie angenehm unsere Arbeit ist, sobald sie sich näher damit befreundet.«
Agathe dachte im Herzen, zu dieser Ueberzeugung werde sie wohl nie kommen; denn wenn weibliche Arbeiten ihr auch nie unangenehm gewesen waren, so sah sie es doch als ein großes Mißgeschick an, sich nur mit der Nadel, nie aber mit Lesen, Schreiben und Zeichnen beschäftigen zu können. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und arbeitete ruhig weiter.
Die jungen Mädchen durften nicht viel sprechen, weil sie dies von ihrer Arbeit abzog, und da jetzt auch Fräulein Schneider schwieg, hörte man nichts, als das Rascheln des Seidenzeuges und das Pfeifen der vielen Fäden, welche mit der Nadel durch die Arbeit fuhren. So verging Stunde um Stunde. Nur einmal, als die Glocke elf schlug, entsank die Nadel den Händen. Jedes der jungen Mädchen zog eine trockene Semmel aus der Tasche, und ein allgemeines frugales Frühstück, bei dem ein Glas Wasser das Getränk abgab, unterbrach den rastlosen Eifer. In dieser Arbeitspause durften sich auch die Zungen rühren, und nun schwatzte und lachte und zischelte es durcheinander, daß es eine Lust war. Agathe arbeitete still weiter, denn sie hatte kein Frühstück, und sie war während ihrer stillen Arbeit, bei der sie ungestört denken konnte, so traurig geworden, daß sie auch gar keine Lust zum Essen hatte.
Aber da öffnete sich die Thür, und die alte Cousine kam freundlich grüßend herein.
»Ich bringe dir das Frühstück, liebe Agathe,« sagte sie, dem jungen Mädchen eine Semmel reichend. »Verzeih', daß ich sie dir trocken gebe; aber fette Speisen dürfen nicht hier in das Arbeitszimmer kommen; es würde gar zu leicht etwas dadurch verdorben.«
»O, ich kenne es nicht anders; in der Pension gab es auch keine Butter,« entgegnete Agathe und griff dankend nach dem Weißbrod. Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken hin nach der lieben Pension, in der jetzt auch gerade Freistunde war und Semmeln verzehrt wurden. O, könnte sie dort sein, nur eine Viertelstunde, dort unter den lieben, fröhlichen Freundinnen; könnte sie, wie sonst, von ihren Stunden, ihren Arbeiten, ihren Lehrern mit ihnen plaudern, ein paar Mal durch den Garten laufen, um frische Luft zu schöpfen; es war so eng, so schwül, so drückend hier in dem Arbeitszimmer! Aber was half das alles; sie saß hier, und mußte hier bleiben. Die Frühstückszeit war jetzt vorüber, und eifrig ging es nun wieder an die Arbeit. Bald fuhren wieder die Nadeln wie Blitze durch die Luft, und Schweigen breitete sich wie vorher über die fleißigen Arbeiterinnen. Zwei Stunden vergingen noch so; aber als es ein Uhr schlug, erhob sich Fräulein Schneider, legte die Arbeit fort, verneigte sich und verschwand. Dies war das Lösungszeichen für die junge Schaar. Die Arbeit flog zur Seite, und nicht fünf Minuten vergingen, so war das Zimmer leer, und Agathe blieb allein zurück. Aber auch sie warf jetzt schnell die Arbeit aus der Hand und seufzte tief auf; denn noch nie in ihrem Leben hatte sie so viele Stunden hinter einander genäht. Der Kopf war ihr ganz dumm davon geworden; er hatte so gar keinen Theil an der Arbeit der Hände nehmen können. Die Finger thaten ihr weh, der Rücken schmerzte, und sie war so müde, als hätte sie drei Tage hinter einander genäht. »Lieber zwölf Stunden schreiben und lesen, als zwei hinter einander nähen!« seufzte sie und blickte zum Fenster hinaus, wo sie einige der jungen Mädchen eilig die Straße hinauf trippeln sah.
»O, die sind doch frei und können fort aus diesem Hause!« dachte Agathe sehnsüchtig. »Aber ich, ich bin hier fest gebannt, kann nicht fort, muß Hunde warten, Hüte nähen und mich schelten lassen; — o mein Gott, mein Gott, ich bin doch zu unglücklich!«
Sie drückte das Gesicht in beide Hände und weinte bitterlich. Die Thränen erleichterten ihr Herz, und bald kamen ruhigere Gedanken. »Könnte es nicht noch viel schlimmer sein, du thörichtes Kind?« tönte es in ihrer Brust. »Was bist du denn, daß du so große Ansprüche machen kannst? Die Tante ist nicht zärtlich, aber doch auch nicht gerade unfreundlich gegen dich. Du hast ihren Hund zu besorgen; das ist nicht sehr angenehm, aber doch auch kein großer Kummer, und daß du wie diese anderen jungen Mädchen viele Stunden bei der Näharbeit sitzen mußt, geschieht ja, damit du etwas lernst. Das ist doch eigentlich sehr vernünftig von der Tante gehandelt; denn sie will dir die Mittel geben, dir später selbst fortzuhelfen. Du wünschtest dies freilich in einer andern Weise zu thun, aber das kostet wieder Geld; denn zum Lernen braucht man Unterricht, und wer soll den bezahlen?«
Solche Gedanken kamen der guten Agathe noch gar viele; aber so sehr sie sich auch bestrebte, ihr Geschick ruhig hinzunehmen, es wollte und wollte nicht gehen! »O wenn ich nur lernen dürfte, um Erzieherin werden zu können, dann wollte ich alles, alles ertragen!« das war immer wieder der Schluß aller ihrer Gedanken und Betrachtungen.