Endlich wurde sie von der Cousine zum Mittagessen gerufen, und ihr trauriges Gesichtchen in ein möglichst heiteres verwandelnd, verließ sie mit der guten Führerin das Arbeitszimmer.
[Viertes Kapitel.]
Schooßhund und Zughüte.
Die Tante hatte bestimmt, daß Agathe mit der Cousine zusammen das Mittagbrod einnahm; sie selbst aß später, denn Herr Niedrer kam erst um drei Uhr aus dem Comptoir nach Haus. Um diese Zeit aber sollte Agathe schon wieder mit den Arbeiterinnen fleißig sein, deren Arbeitsstunden von Morgens neun bis Mittag ein Uhr währten, dann Nachmittag von zwei bis sieben Uhr. Agathe freute sich, daß sie mit der guten Cousine so traulich allein an dem kleinen Eßtisch im Fenster, wo sie gleich am ersten Abend mit ihr gesessen, ihr Mittagbrod verzehren konnte; leider aber war die freie Stunde bald vorüber, und Schlag zwei Uhr mußte sie wieder in das Arbeitszimmer. Da fing der Fleiß wie des Morgens von Neuem an und dauerte ohne bedeutende Unterbrechung bis sieben Uhr. Fröhlich packte die junge Gesellschaft dann alles zusammen; lachend und scherzend ging es zum Hause hinaus, und Agathe war wieder allein, beneidete wieder die forteilenden Mädchen, welche doch jetzt am Abend wenigstens frei waren und ihrem Familienkreise zueilen konnten. Sie hatte ja keine Eltern, keine Geschwister, die sie freudig erwarteten; ungeliebt und unbeachtet stand sie allein in der Welt; niemand sehnte sich nach ihr, niemand bedurfte ihrer, niemand fragte nach ihrem Wohl und nach ihrem Weh! O es war zu traurig, zu niederdrückend. Die trüben Gedanken kamen wieder über sie, stärker und banger als je; denn die langanhaltende, ungewohnte Arbeit war ihr unerträglich und hatte ihr allen Muth und alle Hoffnung genommen. Mit Grauen dachte sie daran, daß es so einen Tag wie den andern fortgehen sollte. Sie blickte in ihre Zukunft wie in einen dunklen, erschreckenden Nebel, der sie einhüllen und alle Hoffnungen ersticken würde.
»Aber meine freie Zeit soll wenigstens meinen armen lieben Büchern gehören!« rief sie endlich froh auffahrend und eilte nach ihrer Kammer. Die gute Cousine hatte ihre wenigen Sachen nett und sauber in Schrank und Komode geordnet, und mit wahrem Jubel griff Agathe nach einem Werke Schillers, ihres Lieblingsdichters, dessen Schriften sie noch von ihrer Mutter zum letzten Geburtstage erhalten hatte. Sie verlor sich schon nach kurzer Zeit so sehr in die wundervolle Sprache des Trauerspiels: »Die Jungfrau von Orleans,« in welches sie sich vertiefte, daß sie den Eintritt der Tante gar nicht bemerkte, welche plötzlich neben ihr stand. Agathe fuhr empor, als hätte sie ein Unrecht begangen und legte das Buch schnell zur Seite. »Befehlen Sie etwas, liebe Tante?« fragte sie hastig.
»Ich wollte wissen, was du treibst,« sagte diese kalt. »Du hast den ganzen Tag gesessen; es ist nöthig, daß du dir jetzt einige Bewegung machst, du wirst sonst noch bleicher. Geh' aus, und sieh dir die Stadt an, und nimm Bello mit dir; er ist heute auch noch nicht an die Luft gekommen.«
»Ja wohl, liebe Tante!« entgegnete Agathe, blickte aber ängstlich zum Fenster hin, denn es war schon fast ganz dunkel, und sie völlig fremd in der Stadt.
»Die Cousine kann dich heute ein Stück begleiten, damit du dich nicht verläufst,« sagte Madame Niedrer, indem sie sich wieder entfernte.
»Die Tante ist doch sehr gut, daß sie so für meine Gesundheit sorgt,« dachte Agathe und kleidete sich schnell an, so ungern sie ihrem Buche Lebewohl sagte. Dann lockte sie den Hund mit einem Stück Kuchen an sich, nahm ihn auf den Arm und eilte, von der Cousine begleitet, in's Freie. Sie ergötzte sich an dem bunten Treiben, das die Straßen dieser Handelsstadt belebte; aber das Gewirr in denselben, die hohen, überhängenden Häuser, die dunkeln Höfe und Gäßchen, durch welche sie gingen, und die in der Dämmerung noch unheimlicher aussahen, bedrückten das Herz des jungen Mädchens mehr und mehr. Dazu kam, daß Bello unruhig wurde und weder auf Agathes Arm, noch auf dem der Cousine bleiben wollte, und doch wagte Agathe nicht, ihn auf den Boden zu setzen; denn in dem Gewühl und der Dunkelheit hätte sie ihn sicher verloren.
»Warte, wir wollen ihn anbinden!« sagte die Cousine und zog eine Schnur durch das Halsband des Hundes. Aber damit war nichts gebessert; denn nun wollte das Thier nicht vom Fleck, bellte und stemmte sich, Agathe mochte ziehen, so viel sie wollte. Die Vorübergehenden lachten und neckten die junge Hundewärterin, so daß diese dem Weinen nahe war. Aber die Cousine tröstete und half treulich, indem sie den Widerspenstigen von hinten mit dem Fuße vorwärts stieß, und so, ziehend und stoßend gingen sie ein Stück Weges weiter. Aber endlich trat ein muthwilliger Bursche dem Hunde auf eine Pfote, und nun war nichts mehr mit dem Thiere anzufangen. Winselnd warf es sich zu Boden, und als ihn Agathe wieder auf den Arm nahm, war er so bissig und bösartig, daß der Spaziergang möglichst schnell beendigt werden mußte.