Die junge Frau blickte verwundert hinein und zog ein Tuch fort, das den Inhalt noch verhüllte. Und was lag nun vor ihr? Ein wunderniedliches, weißseidenes Zughütchen, in dessen Höhlung sich ein zierlicher Schooßhund verkroch, zwar nur aus Wachs, und in verkleinertem Maaßstabe, aber dem theuren Bello so ähnlich, wie das Kind der Mutter. Ein Brief begleitete die Sendung; er war von der guten, alten Cousine und enthielt nebst tausend herzlichen Glückwünschen von ihr und allen Bewohnern der Arbeitsstube die Bitte, beifolgenden Scherz freundlich aufzunehmen. Das Hundchen war ein Abbild dessen, den sich Madame Niedrer zu Erinnerung an ihren theuren Bello verfertigen ließ, und dessen Doppelgänger sich die Cousine für Agathen verschafft hatte. An dem Hute aber hatten alle Mitglieder der Arbeitsstube einige jener furchtbaren, kleinen Säume genäht, welche einst den Schrecken und die Verzweiflung Agathes ausmachten. Fräulein Schneider garnirte das Kunstwerk schließlich mit zierlichen Maiblumen, und dieses Hütchen war in der ganzen langjährigen Praxis der würdigen Directrice das Erste und Einzige gewesen, das ohne vorherige Prüfung ihrer Principalin in die Welt hinaus wanderte.

»Also nun birgt unsere Pfarre dennoch gerade jene beiden verpönten Gegenstände, Schooßhund und Zughut! O du arme Agathe!« rief der Pfarrer lustig und hielt die beiden Geschenke hoch empor. Agathe aber hatte Thränen im Auge, während ihr Mund lächelte, und innig bewegt sagte sie: »Ja, es ist recht so! Gerade diese beiden Dinge sollen mir immer vor Augen stehen; denn sie werden mir eine stete Mahnung daran sein, wie gütig Gott die arme Waise aus Trübsal zu Glück und Frieden führte.«

[Neue Wege.]

Auf dem weichen Teppich eines kleinen, behaglichen Zimmers schritt ein schlanker Mann in mittleren Jahren unruhig auf und nieder und wühlte mit seiner Hand oft ungeduldig in dem vollen, dunkelblonden Haar, das sein angenehmes Gesicht beschattete. Zuweilen blieb er stehen und schaute aufmerksam nach der hübschen Frau, welche sich leicht in die Kissen des Sophas zurücklehnte und mit einer Handarbeit beschäftigt war. Während das Gesicht des Mannes sich immer lebhafter röthete und Spuren des Verdrusses zeigte, ruhte auf den Zügen der noch ziemlich jung aussehenden Frau eine milde Freundlichkeit, und ihr Auge blickte ab und zu mit einem ungemein sanften Ausdrucke von der Arbeit auf.

»Du bist zu gut und nachsichtig gegen sie, Gertrud, und dadurch erreichst du einmal nichts bei dem verwöhnten Mädchen,« sagte Geheimerath Seebald, jener blonde Mann, endlich unwillig und blieb vor seiner Frau stehen, welche soeben eine längere Mittheilung gemacht zu haben schien und ihren Gatten nun fragend anblickte.

»Aber, lieber Gustav, bedenke, wie frei und unabhängig Frida in diesen letzten Jahren gewesen ist,« entgegnete die Frau sanft. »Es ist für jedes junge Mädchen eine schwere Sache, sich einer Stiefmutter unterzuordnen; für Frida aber ist es doppelt schwer, da du sie so völlig ungehindert schalten und walten ließest. Nun soll das arme Kind mit einemmale ein Muster von Ordnung und Vortrefflichkeit sein; aber du vergißt, daß gerade in dem so wichtigen Uebergange vom Kinde zur Jungfrau ihr niemand zur Seite stand, der sie leitete und sie eines Bessern belehrte, sobald sie Fehler beging.«

»Niemand?« rief der Geheimerath lebhaft. »Habe ich ihr nicht eine Gouvernante gehalten und Dienstleute und alles was sie sonst brauchte?«

»Ja, lieber Gustav, nur eben allzuviel!« entgegnete Frau Gertrud still lächelnd. »Die Gouvernante war vielleicht keine ganz glückliche Wahl; ihre Erziehungsresultate wenigstens sprechen für wenig Geschick und Klugheit. Ich bitte dich heut nur, habe Geduld mit Frida; es wird schon besser werden. Ich verberge mir nicht, daß ich keinen leichten Stand ihr gegenüber habe, da sie mich als unwillkommenen Eindringling eher hassen als lieben mag. Aber ich vertraue auf ihren Verstand und ihr gutes Herz und auf meine geduldige Liebe zu dem Kinde.«

»Ich tadle an Frida weniger ihre schlechten Eigenschaften, als vielmehr ihr Benehmen gegen dich, liebe Gertrud,« sagte der Geheimerath verstimmt. »Ist es nicht empörend, daß meine älteste Tochter dir mit Mißtrauen und Kälte entgegentritt, wo sie doch vielmehr froh sein sollte, eine liebevolle Mutter und Freundin in dir zur Seite zu haben, die ihr alle die Lasten abnimmt, welchen ein so junges Mädchen ja noch gar nicht gewachsen ist. Und daß Frida auch dafür kein Verständniß hat, was du für mich bist, der ich lange Jahre hindurch einsam und freudlos dagestanden habe, und vor allem, welche treue Mutter ich in dir für ihre kleinen Geschwister gewonnen, die so unsäglich einer andern Pflege und Liebe bedurften, als sie ihnen Wärterinnen geben konnten, — siehst du, Gertrud, alles das ist's, was mich so sehr gegen Frida aufbringt. Sollte ich sie etwa erst um Erlaubniß fragen, ehe ich einen neuen Ehebund schloß? Wahrlich, das verwöhnte Kind scheint es beansprucht zu haben.«