»Ja, Mama, die Bilder sind aber so langweilig; ich kenne sie schon alle so sehr,« klagte Franz, mit seinen schwimmenden, dunklen Augen zu Gertrud aufschauend.

»So kommt mit in mein Zimmer, Kinder; ich will euch heute einmal wieder die hübschen Kupferstiche zeigen, die euch neulich so gut gefielen,« sagte die Mutter freundlich. Ein leises Roth der Freude zog über des Knaben blasse Wange, und rasch sprang er vom Stuhle auf, der voranschreitenden Gertrud zu folgen. Die kleine Katharine trippelte eilig hinterdrein, und bald neigten sich die beiden Kindergesichter über einen Band schöner, großer Kupferstiche, welchen die Mutter ihnen auf den Tisch gelegt.

»Erkläre Käthchen die Bilder, wenn sie nicht alles versteht; du bist ja schon ein verständiger Junge,« sagte Gertrud lächelnd zu Franz, der ernsthaft mit dem Kopfe nickte und ganz stolz sein Amt eines Informators antrat, indem er sich Geschichten zu den bildlichen Darstellungen erfand, denen Käthchen mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte. Gertrud setzte sich indeß still an ihre Arbeit und ließ ihren Gedanken freien Lauf, bis nach einer Weile die Thür des Nebenzimmers heftig aufgerissen wurde, und ein junges Mädchen rasch eintrat.

»Franz, du unartiger Junge, du hast mir gewiß wieder mein Buch fortgenommen,« rief sie ärgerlich und kam zu den Kindern. »Bilder beseh'n, und immer und ewig Bilder beseh'n, weiter treibst du den ganzen Tag nichts. Meine Bücher sollst du aber nicht nehmen; das weißt du doch?«

Franz war feuerroth geworden und antwortete nichts; Gertrud aber sagte milde: »Welches Buch fehlt dir denn, Frida?«

Das junge Mädchen wandte den Kopf nur halb nach der Fragenden um und sagte kurz: »Ein Dumas'scher Roman, in dem Franz einige Bilder gesehen hat, die ich hineingelegt.«

»Das Buch liegt in deines Vaters Zimmer, liebe Frida,« entgegnete Gertrud. »Er hielt die Lectüre für nicht ganz passend für ein so junges Mädchen und nahm das Buch an sich. Ich will dir bessere Bücher geben, liebes Kind, als diese leichtfertigen, französischen Romane. Hast du z. B. die Bücher von Jeremias Gotthelf schon gelesen?«

Frida blickte ihrer Stiefmutter jetzt voll in das Gesicht. Es war ein feines, schönes Köpfchen, das auf den jungen, siebzehnjährigen Schultern saß, der edlen Bildung ihres Vaters sehr ähnlich und von vollem, blonden Haar umwogt. Aber die maaßlos moderne Frisur verdarb das prachtvolle Haar ebensosehr, wie der stolze Ausdruck des Gesichtes der Schönheit dieser Züge schadete. Bei Gertruds Worten warf sie den Kopf hochmüthig zurück und sagte scharf: »Wer hat denn in meinem Zimmer herumspionirt und Papa meine Bücher zugetragen?«

»Nicht in deiner Stube lag das Buch, Frida,« entgegnete Gertrud ruhig, »sondern im Eßzimmer trieb es sich herum. Dein Vater sah es dort liegen und blätterte darin.«