»Papa hat sich doch sonst nicht um meine Lectüre bekümmert, warum denn jetzt auf einmal?« sagte Frida spitz. »Von selbst ist er sicher nicht darauf verfallen, und ich möchte doch sehr bitten, mich auch ferner mit dergleichen in Ruhe zu lassen. Solche Hetzereien sind gräßlich.«

»Du bist noch zu jung, liebe Frida, um jedes Buch lesen zu können, das dir in die Hand kommt,« erwiederte die Mutter immer noch ruhig, obwohl ihr zartes Gesicht bei Frida's bösen Worten abwechselnd bleich und roth wurde. »Böse gemeint ist dabei nichts, im Gegentheil bin ich gern bereit, dir viel bessere Lectüre zu geben, als du in deiner natürlichen Unkenntniß dir aussuchst. Du weißt, ich habe eine sehr reiche Bibliothek sie steht dir gern zu Diensten.«

»Ich danke, ich bin in der Leihbibliothek abonnirt,« sagte Frida kurz und ging hinaus, die Thür sehr unsanft in das Schloß werfend. Gertrud strich sich mit der Hand langsam über das Gesicht und seufzte. Dann aber blickte sie heiter nach den beiden Kindern, welche fröhlich über ein spashaftes Bild lachten, das sie soeben aufgeschlagen, und Franz brachte das Buch zu der Mutter, damit diese ihnen die Geschichte erzählte, die herrlich sein mußte. Gertrud erfüllte bereitwillig die Bitte und vergaß in dieser Weise einigermaßen den häßlichen Auftritt, den Frida veranlaßt hatte. Sie fürchtete aber freilich trotz aller Sanftmuth und trotz der unablässigen Mühe, die sie sich gab, Frida für sich zu gewinnen, daß ihr dies nicht gelingen werde, und einige Tage später brach denn auch wirklich die Katastrophe herein, welche Gertrud trotz aller Liebe und Milde nicht abwenden konnte.

Gertrud hatte sich zum Ausgehen fertig gemacht und sagte, in das Zimmer tretend, zu Frida, welche am Clavier saß: »Aber willst du dich nicht anziehen, mein Kind? Ich sagte dir ja, wir wollten bei Präsident Wehrmann und Regierungsrath Keller Besuche machen. Dein Vater wird gleich eintreten, uns abzuholen; beeile dich etwas.«

Frida wandte in ihrer beliebten Weise den Kopf nur halb herum und spielte weiter. Die Mutter wartete einige Augenblicke, dann forderte sie das junge Mädchen von Neuem auf, nur mühsam ihre Ungeduld verbergend; denn sie wußte, wie ungern ihr Gatte wartete, wenn er ausgehen wollte. Frida aber spielte noch immer und sagte nur leichthin: »Ich gehe nicht mit!«

»Du gehst nicht mit, Frida? Warum nicht?« rief Gertrud erstaunt.

»Weil ich keine Lust habe,« entgegnete Frida schnippisch. »Ich kann das Volk nicht ausstehen.«

»Wen meinst du eigentlich, liebes Kind?« sagte Gertrud betreten, und ihre Stirn röthete sich vor Unwillen.