»Wen ich meine?« rief Frida nachlässig; »nun deine Präsident Wehrmanns und Kellers und wie sie alle heißen. Eine langweiligere Gesellschaft kenne ich nicht. Ich habe meinen eigenen Bekanntenkreis; jene Leute besuche ich nicht.«
»Du wirst dich doch wohl dazu entschließen müssen, liebe Frida,« sagte Gertrud ruhig, »denn jene Familien gehören zu dem Kreis der Freunde deines Vaters, und da schickt es sich nicht anders, als daß die Tochter des Hauses mit uns Besuche bei ihnen macht.«
»Das sind wieder einmal solche herrlichen Neuerungen, wie sie jetzt massenhaft ins Haus kommen!« rief Frida trotzig. »Es ist doch mindestens sonderbar, daß mir jetzt fortwährend geboten wird, das thu, und das laß, wo ich doch bisher ganz gut selbst wußte, was ich zu thun und zu lassen hatte.«
»Dein Vater will es so, mein Kind,« sagte Gertrud kurz.
»Papa will es nur, weil du es willst; sonst fiele es ihm gar nicht ein, mir Dinge zuzumuthen, die mir unerträglich sind!« fuhr Frida leidenschaftlich auf. »Aber ich werde deshalb doch thun, was mir beliebt, wie ich es bisher gethan habe; ich bin alt genug und bedarf keiner Gouvernante mehr. Und wenn Papa kommt, will ich es ihm selbst sagen; warum hat er mir Situationen octroyirt, die mich empören müssen!« Dabei warf sie ein Notenheft so stürmisch auf den Flügel, daß die losen Blätter weit im Zimmer umherflogen, und stieß den Clavierschemel mit dem Fuße zur Seite, daß er umstürzte.
»Augenblicklich schweigst du, und möge deine Mutter die bösen Reden vergessen, die du führtest!« rief jetzt aber die Stimme des Geheimeraths, welcher rasch in das Zimmer eintrat. »Ich habe alles mit angehört, was du gesagt hast, du unartiges Mädchen; aber jetzt hat das Spiel ein Ende. In dieser Weise dulde ich es nicht länger, daß meine Tochter ihrer Mutter gegenübertritt. Geh' jetzt auf dein Zimmer und erwarte dort das Weitere.«
Frida warf den Kopf trotzig zurück und ging hinaus. Gertrud aber verbarg schluchzend ihr Gesicht in dem Tuche.
»Gräme dich nicht, liebe Gertrud,« sagte ihr Gatte weich. »Ich fühle deutlich, ich habe einen großen Fehler begangen, daß ich Frida so völlig zügellos aufwachsen ließ. Gebe Gott, daß es noch nicht zu spät ist, sie zu ändern. Ich kenne sie in der That kaum wieder. Eigentlich ist sie ein gutes, fröhliches Geschöpf; aber jetzt ist sie wie ausgetauscht, und mir scheint, es wird immer schlimmer statt besser. Was ich dir neulich schon sagte, das wiederhole ich: das Beste ist, sie kommt eine Weile aus dem Hause. Wir entziehen sie dadurch auch zugleich dem Einfluß einer ihrer nächsten Freundinnen, die in hohem Grade ungünstig auf ihr weiches Gemüth einwirkt, wie ich fürchte. Ich kann ihr den Umgang mit dieser Familie nicht untersagen; auch würde ich die Sache dadurch nicht bessern, sondern nur Heimlichkeiten hervorrufen.«
»Du erwähntest neulich schon etwas der Art,« sagte Gertrud; »welche Freundin meinst du?«
»Franziska von Froreich, ein eitles, leichtsinniges, aber kluges und angenehmes Mädchen,« entgegnete der Geheimerath. »Sie hat den Kopf voll Phantastereien und Thorheiten, und leider steckt sie meine empfängliche Frida sehr damit an. Durch unsere würdige Geheimeräthin Gerold, eine mütterliche Freundin meines Hauses, habe ich einige Dinge erfahren, die mich in der That beunruhigen. Im Hause dieser Froreich's hat Frida einen jungen Mann kennen gelernt, der ganz das Zeug dazu hat, einen phantastischen siebzehnjährigen Mädchenkopf zu verdrehen; denn er ist schön, elegant, witzig und angenehm, gerade wie es ein Held der Romane sein muß, die sie lesen. Dieser junge Herr scheint alle Künste zu verstehen, die Herzen unerfahrener Mädchen zu gewinnen. Mit dieser singt und musicirt er, mit jener schwärmt er für Literatur und bringt ihr Gedichte, dann wieder treibt er Blumensprache oder sonstige Fadaisen mit ihnen, tanzt vortrefflich, zeichnet etwas, kurz, es giebt eben nichts, was er nicht verstände und wüßte. Aeltere Frauen schütteln die Köpfe, den Männern ist er gleichgültig oder im Wege. Niemand aber weiß recht, wer er ist und was er eigentlich treibt. Meiner hübschen Frida aber hat er das Köpfchen augenscheinlich gründlich mit seinen Süßigkeiten verdreht, und wenn ich etwas sorglicher die Augen offen gehalten hätte, als ich leider gethan, so würde ich wohl selbst gesehen haben, worauf mich liebe Freunde jetzt aufmerksam machen. Ich denke jedoch, Frida ist noch ein solches Kind, daß ihr die Sache aus dem Kopfe kommt, lebt sie einige Monate in anderen Kreisen, und besonders auch fern von Franziska, die sich darin scheint gefallen zu haben, als Beschützerin dieser keimenden Liebe eine interessante Rolle zu spielen.«