»Hast du gegen Frida etwas über diese Sache erwähnt?« sagte Gertrud nachdenkend.
»Thörichter Weise allerdings!« entgegnete der Geheimerath achselzuckend. »Ich glaubte, ihr klar machen zu können, daß an einem jungen Manne elegantes und einschmeichelndes Wesen etwas Gefährliches sei, und daß es verdienstvollere Eigenschaften gäbe und würdigere, um die Achtung und Liebe eines Mädchens zu gewinnen. Aber das war nur Oel in's Feuer. Sie vertheidigte ihren jungen Verehrer mit flammenden Augen, und ich bin sicher, hätte ich ihr den Verkehr mit demselben jetzt untersagt, die Sache wäre bei Frida's Heftigkeit wohl zu einer bösen Wendung gekommen. Ich zog es daher vor, sie mit ihrer jugendlichen Schwärmerei zu necken und das Ganze scherzhaft und leicht zu nehmen. Aber ich kann dir sagen, liebe Gertrud, ich bin froh, dich jetzt zur Seite zu haben, damit du über das Kind mit treuen Mutteraugen wachest und mit vorsichtiger Frauenhand den Knoten lösest, der sich da etwa zu schlingen droht. An dem jungen Galan ist nichts, davon bin ich überzeugt, seit ich ihn etwas näher beobachtet; aber mein Männerkopf versteht es nicht, da das Rechte zu ergreifen.«
Gertrud sah ernst sinnend vor sich nieder. »Du kannst auf meine Hülfe rechnen, Gustav,« sagte sie sanft. »Aber die Aufgabe ist keine leichte. Wie ich Frida beurtheile, wird sie sich schwer von einer ernsten Neigung zurückbringen lassen, und Widerstand ihr die Sache vielleicht noch anziehender machen. Sie glaubt dann wohl eine jener Romanheldinnen zu sein, die für ihre Liebe schwere Opfer zu bringen haben, wie sie in den Büchern gelesen. Lassen wir für jetzt die ganze Angelegenheit unberührt, vielleicht wirkt Zeit und Entfernung günstig auf ihr Gemüth. Wenn du sie unter recht einfache, frische und brave Menschen bringen könntest, so wäre dies wohl das beste Mittel, das Kind zu ändern und zu bessern; aber wo finden wir solche?«
»Ich denke, ich habe sie schon gefunden,« entgegnete der Geheimerath heiter. »Die Sache liegt mir länger schon im Sinn; denn seit jener Mittheilung unserer lieben, alten Freundin, Frida's keimende Neigung betreffend, war ich entschlossen, das Kind für eine Weile anderen Händen anzuvertrauen und sie aus den hiesigen Verhältnissen fortzuschicken. Seitdem aber kam durch dich, meine Gertrud, neues Glück über mich, und ich hoffte, auch über Frida, und so gab ich den Gedanken jener Trennung auf. Nun aber ist dieselbe nöthiger als je, nöthig für alle Theile, und so zögere ich nicht länger. Ich werde Frida meiner Schwägerin anvertrauen, der Schwester ihrer Mutter. Das ist eine einfache, gute und tüchtige Frau, und ihre Töchter liebe, nette Mädchen. Bei ihnen ist unser Kind wohlaufgehoben. Mein Schwager, ein braver, trefflicher Mann, hat eine Pachtung in Mecklenburg übernommen, und das Landleben wird Frida mit vielem aussöhnen, was ihr in den sehr einfachen Verhältnissen sicher nicht gefallen wird. Ich habe bereits früher schon einmal angefragt, ob meine Schwägerin mir das Opfer bringen will, Frida für einige Zeit in ihr Haus zu nehmen, und sie ist gern dazu bereit. Du bist wohl so freundlich, liebe Gertrud, in Frida's Sachen nachzusehen, was sie etwa bedarf. Staat wird sie überflüssig genug haben, für alles andere aber übernimm, bitte, die Sorge.«
Während Frida's Eltern noch Weiteres mit einander besprachen, lag das junge Mädchen in ihrem Zimmer auf dem Sopha, das Gesicht in die Kissen gedrückt, und ihre Brust athmete heftig. Aber Thränen flossen trotz aller Leidenschaft nicht aus den heißen Augen. Mit ihren kleinen, weißen Zähnen biß sie fest in das feine Taschentuch, das sie vor die Lippen drückte, und riß so heftig daran herum, daß es in Stücken flog. Da ballte sie die Fetzen grimmig in der kleinen Hand zusammen und schleuderte den Knäul in die Ecke; ihre hübschen Füße aber stampften nun so energisch den Boden, daß die höchst eleganten Stiefelchen, welche sie umschlossen, in allen Nähten krachten.
»Unerträglich! Unerträglich!« rief sie ungestüm und schlug die Hände vor das Gesicht. »Mich so zu behandeln, mir das zu bieten, und in ihrer Gegenwart! O, ich möchte ersticken vor Aerger. Und was nun seine Worte heißen sollten? >Erwarte dort das Weitere!< Was soll ich erwarten? Will man mich etwa einschließen, mich gefangen halten bei Wasser und Brod, bis ich kirre werde und der Frau Mutter zu Füßen liege? O da können sie lange warten; aber es ist abscheulich, ganz abscheulich vom Papa. Bis jetzt war er immer so gut und that alles, was ich wollte; nun ist er wie verwandelt. Und an allem ist sie allein schuld, ich weiß es wohl, sie mag sich verstellen wie sie will. Aber ich dulde es nicht, nein, absolut nicht!«
In dieser Weise trieb es das heftige Mädchen noch eine lange Weile, ohne dabei ruhiger zu werden. Da öffnete sich die Thür und ihr Vater trat herein.
»Frida,« sagte er ruhig und ernst, »ich denke, es wird für alle Theile besser sein, wir versuchen es, eine Aenderung dadurch im Hause eintreten zu lassen, daß du deine Tante Marie, die dich lange schon so freundlich eingeladen hat, für einige Zeit besuchst. Ich habe dich zu sehr verzogen, ich sehe es jetzt wohl ein; der Schaden jedoch läßt sich nicht so schnell gutmachen. Aber deine treffliche Mutter soll nicht durch dich leiden. Ich hoffe, bei Tante Marie wirst du etwas vernünftiger werden und als ein verständigeres Mädchen heimkehren. Suche deine Sachen zusammen, übermorgen bringe ich dich nach Dahme.«
»Also eine Verbannung!« sagte Frida kalt. »Gut, ich gehe und mache Platz; es mag das Beste sein, du hast Recht, Papa. Zwei Willen das geht nicht. Schade nur, daß du das jetzt erst merkst, und ich darunter so bitter leiden muß. Aber es mag drum sein; ich danke dir, daß du mich fortschickst.«
Es war kein guter Geist, der aus Frida in diesem Augenblicke sprach. Ihr Vater stand ihr traurig und rathlos gegenüber und wußte nicht, wie er den Weg zu ihrem Herzen finden sollte. Da fiel sein Blick auf ein Bild, das über Frida's Nähtischchen hing. Leise ergriff er die Hand seiner Tochter und führte sie zu diesem Bilde. Es war das ihrer Mutter.