»Frida,« sagte der Vater weich, »was würde sie dazu sagen, wenn sie hörte, wie ihr Kind mit ihrem Vater spricht!«

Das junge Mädchen zuckte leise zusammen und erblaßte. Einen Augenblick stand sie mit gesenkten Lidern vor dem Bilde, dann rief sie: »Papa!« und laut schluchzend sank sie an ihres Vaters Brust. Still hielt dieser sein Kind in den Armen, sprechen konnte er nicht, und auch Frida weinte nur heftig ohne zu sprechen. Endlich aber stammelte sie erregt: »Verzeih mir, Papa! O ich bin zu, zu unglücklich!« Und wieder weinte sie leidenschaftlich.

»Ich verstehe dich nicht, Kind,« sagte der Vater sanft und streichelte ihre Wange, »du bist mir völlig räthselhaft; denn wenn du nur wolltest, so würde dir aus deiner jetzigen Situation unendlich viel Glück und Freude erwachsen; aber erzwingen kann ich es freilich nicht. Machen wir deshalb den Versuch einer Trennung in aller Liebe, Frida, hörst du wohl? ohne von Verbannung oder dergleichen Thorheiten zu sprechen. Ein Landaufenthalt wird dir in allen Fällen gut thun; der letzte Winter hat dich etwas blaß und nervös gemacht. Tante Marie hat dich lieb und freut sich lange schon auf dein Kommen, und ihre Töchter werden dir ein angenehmer Umgang sein. Scheiden wir in aller Liebe und Herzlichkeit für eine Weile von einander, und wenn du dann wieder zu uns zurückkommst, wirst du alles mit anderen Augen ansehen, deß bin ich sicher.«

Frida schüttelte zwar leise und ungläubig den Kopf; aber der gute Geist, den ihr Vater heraufbeschworen, breitete seine Hände über sie.

»Wie du willst, Papa. Ich glaube, du hast Recht, und es ist gut für alle Theile,« sagte sie weich und ergeben. »Ich werde meine Sachen zusammen suchen, dann können wir fort, je eher je lieber.«

Der Geheimerath küßte sein Kind liebevoll und sagte leise: »So ist's recht, Frida, mache deinem armen Vater das Herz nicht gar zu traurig. Ich danke dir, und sie wird dich dafür segnen.« Dabei blickte der weiche Mann noch einmal feuchten Auges nach dem Bilde seiner ersten, unsäglich geliebten und betrauerten Gattin, dann verließ er still das Zimmer.

Frida setzte sich wie gebrochen diesem lieben Bilde gegenüber, und leise rannen noch einige Thränen über ihre Wangen. Aber es waren gute Gedanken, welche jetzt durch ihre Seele zogen. Sie gedachte jener traurigen Zeit, als diese treue Mutter von den Ihren schied, nachdem sie noch dem kleinen Käthchen das Leben geschenkt hatte, und welche Zerstörung dieser Tod in die Familie brachte. Ihr Vater war wie vernichtet von Kummer und Leid; das schwache, neugeborne Kindchen lag kraftlos und still in seiner Wiege, und das matte Lebenslicht schien verlöschen zu wollen. Sich selbst überlassen, trieben sich die andern Kinder im Hause umher, Frida selbst erst 12 Jahre alt und unfähig, die jüngeren Geschwister zu zügeln. Wohl kamen dann Fremde in das Haus, sich der Kinder und des Hauswesens anzunehmen; aber es war ein zerfahrener Geist in dem Ganzen, und der Hausherr besaß nicht Kraft und Umsicht genug, es zu ändern. Summen wurden verschwendet, die Leute gewechselt, bald Strenge, bald Güte versucht, die Dinge anders zu gestalten, es war vergebens. Dann erkrankten die Kinder am Scharlachfieber, zwei von ihnen, welche vielleicht bei sorgsamerer Pflege gerettet werden konnten, erlagen der Krankheit, und die beiden Jüngsten blieben kränklich und blaß, nachdem sie genesen waren. Endlich übernahm Frida die Oberleitung des Hauswesens, sie war ja sechzehn Jahr alt und also ein erwachsenes Mädchen. Aber statt besser, wurde es nur schlimmer. Frida fühlte das wohl, wußte es aber nicht zu ändern. Sie war sich selbst nicht klar, daß ohne Anleitung und ernsten Sinn, nur voll Interesse für ihr Vergnügen, ihren Putz und ihre Freundinnen, sie einer solchen Aufgabe nicht gewachsen war. Frei und ohne jegliche Schranke ließ der Vater sie schalten und walten, that alles, was Frida wollte, gab ihr Geld über Geld und bewilligte alle Vorschläge, nur um Ruhe und Frieden im Hause zu haben. Und doch erreichte er damit wenig, Frida aber brachte er großen Schaden. Ein dunkles Gefühl sagte dies dem jungen Mädchen gar wohl; aber doch war es gar zu schön, so unbeschränkt leben und befehlen zu können, sie wünschte es nicht anders.

Welch ein Donnerschlag war da für sie die Nachricht, ihr Vater werde wieder heirathen! Tiefe Entrüstung ergriff Frida über solches Unterfangen, und mit lebhaftem Mißtrauen und starker Abneigung trat sie der unwillkommnen Stiefmutter entgegen. Mit innerer Empörung übergab sie den Händen der neuen Hausfrau alle Pflichten, welche jetzt ihr obgelegen, und denen sie freilich nur allzu lässig nachgekommen war. Die Uebergabe dieser Geschäfte konnte sie nicht ändern und mußte sie schweigend ertragen. Aber eines stand fest: sie selbst wollte nie etwas mit dieser Stiefmutter gemein haben und sich nie und nimmer ihrer Macht unterwerfen. Freilich suchte diese neue Mutter durch unsägliche Geduld und Milde solche Entschlüsse zu stürzen und Frida's Herz zu erobern, Frida jedoch stemmte sich mit aller Macht dagegen, und wie sie ihre vermeintlichen Rechte glaubte schützen zu müssen, das haben wir selbst gesehen. Aber es war ihr nicht wohl dabei. Sie fühlte Tag täglich, welchen Schatz ihr Vater mit dieser Mutter in das Haus geführt, und wie wohl geordnet jetzt alles seine stillen Wege ging. Wie froh und heiter blickte ihr Vater jetzt in die Welt hinein, wie wohl versorgt waren die kleinen Geschwister, und wie ordentlich und gesittet thaten die Dienstleute ohne Lärm und ohne Widerspenstigkeit ihre Pflichten. Aber trotz dieser Einsicht konnte sie die Erbitterung und den Verdruß nicht aus ihrem Herzen scheuchen, und so war es besser, sie ging. Mochte ihr Vater Recht haben oder nicht, mochte Zeit und Entfernung günstig wirken oder nicht, für jetzt konnte es nicht so bleiben, das sah und begriff sie. Der vorige Trotz ihres ungebändigten, kindischen Herzens hatte jetzt ruhigerer Einsicht Platz gemacht, ja endlich behauptete die Jugend so sehr ihr Recht, daß die bevorstehende Reise mit ihren neuen Verhältnissen und Eindrücken ihr sehr lockend erschien, und sie sich von Herzen auf den Landaufenthalt freute, den sie sich lange schon gewünscht. So machte sie denn gute Miene zum bösen Spiel, erzählte ihren Freundinnen von der bevorstehenden frohen Aussicht und war ganz heiter und guter Dinge. Gertrud ging auf diese Stimmung Frida's nur zu gern ein und half ihr eifrig, für die Reise alles in Stand zu setzen, wobei sie freilich wünschte, gar vieles von dem Putz und Staat aus den Koffern wieder heraus zu legen, den die eitle Frida einpackte, welche sich einen sonderbaren Begriff von den Bedürfnissen ihres Landlebens zu machen schien.

So war denn einige Tage später der Schritt geschehen und Frida im Hause der Tante Marie. Ihr Vater war wieder abgereist, Frida aber saß bald nach ihrer Ankunft bei einem Briefe an ihre liebste Freundin, und damit wir sehen, wie es ihr in der neuen Umgebung gefällt, blicken wir über die Schulter der Schreiberin und nehmen Kenntniß von ihren Freundschaftsergüssen.

»Liebste, beste Franziska!

Drei Tage sind schon darüber hingegangen, daß ich meinem Papa Lebewohl gesagt habe und hier in das Haus von Onkel und Tante Bremer eingetreten bin. Wie voll ist mir das Herz, und wie sehr verlangt mich danach, Dir, meiner besten, liebsten Freundin, von meinem Ergehen und meiner hiesigen Situation Kunde zu geben. Aber bis jetzt kam ich nicht dazu; denn ich kann Dir sagen, daß ich völlig benommen bin von der Neuheit meines Aufenthaltes. Eine Sehnsucht und ein Verlangen nach meinem himmlisch behaglichen Vaterhause, nach Dir und meinen anderen geliebten Freundinnen erfüllt mich von früh bis spät, und wenn ich mich nicht schämte, ich packte am liebsten wieder ein und eilte zurück zu Euch Allen, trotz der unerträglichen Verhältnisse im Vaterhause.

Ach Deinem Herzen, mein Fränzchen, als dem meiner intimsten Freundin, habe ich ja allein den wahren Sachverhalt anvertraut, Du allein weißt ja, was und wer mich aus dem Vaterhause hinaus getrieben. Die, die sich jetzt meine Mutter nennt, ist es, ich weiß es wohl, und wenn ich auch um Papa's willen heiteren Auges geschieden bin, Du weißt besser, wie es in mir aussieht. Ach eines nur beruhigt und tröstet mich trotz allem — daß ich diese Reise nicht schon einige Monate früher antreten mußte. Du ahnest und weißt warum, meine süße Freundin! Die himmlischen Stunden in Eurem Hause, wo ich ihn sehen und sprechen durfte, ach sie sind ja doch ohnehin jetzt vorüber, seit er fort ist. Aber wo ist er, warum sagte er es nicht, und warum ging er so plötzlich fort ohne unser Wissen? Zum Winter aber, wenn ich wieder bei Dir bin, dann will ja auch er wiederkommen, das hoffte er so sicher, als ich ihn zum letzten Male sprach. O dieses letzte Mal, Fränzchen, es wird mir ewig in der Seele bleiben!

Wie oft hast Du mir versichert, ich sei ihm nicht gleichgültig, Du, liebe, treue Freundin, ach immer und immer konnte ich nicht daran glauben. Aber beim Abschied, da habe ich es wohl glauben müssen, (o und wie gern!) denn daß ich es Dir jetzt nur gestehe, er hat es mir nur allzudeutlich gesagt. Aber nicht blos in trocknen, prosaischen Worten, wie ein Anderer es wohl an seiner Stelle gethan hätte; o nein, das wäre dieses genialen, poetischen Kopfes nicht würdig! Nein, er hat mir in einigen entzückenden Versen seine Gefühle gestanden. Denke nur, Verse von ihm selbst. O ich müßte ein Herz von Eis oder Stein haben, wenn mich diese Worte nicht gerührt hätten, und der Blick, von dem sie begleitet waren. Ich muß Dir wirklich als Sühne für mein spätes Vertrauen dieses Gedichtchen hersetzen; urtheile selbst, was ich dabei fühlte.

In einem stillen Thale
Blüht eine Rose hold,
Die Blätter glühn und glänzen
Wie süßer Minne Sold.

Da kommt mit müdem Schritte
Ein Wandersmann daher,
Sein Aug' ist matt und trübe,
Sein Herz ist bang und schwer.

Doch wie mit holdem Zauber
Weht's um ihn wunderbar,
Und weiche Rosendüfte
Umspielen Stirn und Haar.

Und wie ein Himmelsbote
Schaut ihn das Röslein an:
»Wohl kann ich Heilung bringen,
»Du armer, kranker Mann.«

»Wem ich am Herzen ruhe
»In stiller Lieb' und Treu',
»Dem lächelt Freud' und Wonne
»Und süßes Glück aufs Neu.

»»O Rose, holde Rose,
»»So sei auf ewig mein!
»»Des Herzens banges Sehnen,
»»Das stillest du allein!

»»An treuer Brust geborgen
»»Blühst du in sichrer Huth;
»»O Rose, sei mein eigen,
»»Nur dann ist alles gut!««

O wenn Papa dies läse, dann würde er eine andere, höhere Meinung von den Gaben dieses herrlichen Mannes bekommen! Aber um alles in der Welt, ihm darf ich es nicht sagen, er würde mir nie verzeihen, daß ich solche Dinge angenommen habe von einem jungen Manne, der ihm ganz fremd, und, wie ich mit blutendem Herzen bemerkt, durchaus nicht willkommen ist. So mag es denn ein süßes Geheimniß zwischen uns bleiben, mein Fränzchen, und wenn er wieder zurückkehrt, dann geht hoffentlich die Sonne heller für uns auf. Was kümmert es mich, wer und was er ist, wonach Papa so sorglich forschte! Er ist Deiner Mama von einem Jugendfreunde empfohlen, das genügt mir, und wer so edel und vornehm in seiner Erscheinung, so fein und ritterlich in seinem Benehmen ist, der kann kein untergeordnetes Menschenkind sein. Der Stempel edler Abkunft ist ja seiner schönen Stirn aufgeprägt! — Doch genug; ich verliere mich in meine süßen wonnigen Träume, und doch muß ich ihnen hier so ganz Lebewohl sagen und der rauhen Wirklichkeit um mich her leben. Laß Dir jetzt hiervon ein Wenig erzählen und bedaure mich, Du Getreue!

Franziska, was giebt es doch für Existenzen, und was das Wunderbarste ist, wie glücklich scheinen mir hier die Leute alle in diesen mehr als einfachen Existenzen. Mir steht der Verstand still, und Dein scharfer Humor fände hier nur allzureichen Stoff für Witz und Spöttereien.

Also mit dem Anfang zu beginnen, das heißt, mit unserer Ankunft hier in Dahme. Auf der Eisenbahnstation erwartete uns die Tante Marie selbst, eine große, brünette Frau mit starken Zügen und einer derben Art und Weise, sich auszudrücken. Ich kannte sie jedoch schon, obwohl ich sie damals mit Kinderaugen anblickte, denen alles Neue schön erscheint. Leider sehen diese Kinderaugen jetzt auch noch anderes, an der Tante z. B. gleich einen mehr als einfachen Anzug und einen Hut, den Noah's Eheweib füglich hätte tragen können, so uralt war er und bot Schutz vor Sonne, Wind und Regenwetter. Sie schloß mich stürmisch in ihre großen, starken Arme und schüttelte mir die Hände so energisch, daß meine feinen, blaßgrauen Josephinenhandschuhe, die ich mir zur Reise frisch angeschafft, sogleich in einem breiten Riß auseinander platzten. »Zieh die Dinger herunter, Kind!« rief sie lachend, als sie sah, was sie angerichtet; aber das ließ ich wohl bleiben, die scharfe Sonne hätte mir die Haut gleich abscheulich verbrannt. Eine breitbauchige, schwerfällige Kalesche nahm uns dann auf, vor welche ein paar lächerlich plumpe Ackergäule gespannt waren, die ein roher Knecht vom Kutschbocke aus dirigirte. Meine hohen Koffer blickte die Tante mit starrem Schrecken an, auf der Kalesche hatten die keinen Platz. »Wir müssen einen Leiterwagen herschicken, anders geht's nicht,« sagte die Tante achselzuckend. »Was schleppst du denn alles mit dir in der Welt herum?« fragte sie lachend, »in solchen Koffern hat ja ganz Dahme Platz.« Aber dann zogen Knecht und Pferde Tante's Aufmerksamkeit auf sich, und wir waren kaum zum Bahnhofe hinaus, da rief sie gebieterisch: »Stillhalten, Michel!« Wie der Blitz schwang sie sich dann auf den Bock, griff dem tölpelhaften Knechte in die Leine und kutschirte nun selbst.

»Ich bitte um Verzeihung, lieber Schwager,« sagte sie dabei äußerst munter, »mein Mann brauchte unsern Kutscher heut anderweitig, ich mußte den Michel nehmen. Da der aber gewöhnlich nur Arbeitswagen fährt, will ich ihm den ungewohnten Posten lieber abnehmen.«

»Du fährst selbst, Tante?« rief ich erstaunt, sie nickte aber blos und schnalzte mit der Zunge, und in raschem Trabe führten die plumpen Gäule uns und die alte Kalesche durch Wiesen und Felder. Auf einige Worte und Zeichen der Tante sprang nach einer Weile der Michel vom Wagen herunter und lief zu einem Trupp Arbeiter, die im Acker beschäftigt waren.

»Das ist schon Dahme'scher Grund und Boden!« rief die Tante stolz und deutete mit der Peitsche hinüber. »Sie sind gerade beim Düngen.«

Auch ohne ihre Erklärung hätten meine Geruchsnerven mir das verrathen; es war ein gräulicher Gestank, und erschrocken hielt ich mir das Tuch vor's Gesicht. Die Tante sah es und lachte. »Ja ja, Kindchen, nach Rosenöl riecht's gerade nicht; aber ich sage dir, für einen rechten Landwirth giebt's auf der ganzen Welt keinen schöneren Duft, als solchen frischen Dünger. Wirst dich schon daran gewöhnen, wenn du ein Weilchen bei uns bist. Der glatte Misthaufen inmitten unseres Hofes ist unserer Augen Trost und Freude.«

Ich blickte Papa betroffen an, denn ich war entsetzt über solche Reden. Papa aber lachte und fing an mit der Tante über die Ländereien zu sprechen, durch welche wir fuhren, und zwar mit einem Interesse und einer Sachkenntniß, daß ich ganz erstaunt zuhörte. Ich hatte nie gewußt, daß mein feiner, eleganter Papa, der sich in seinem Arbeitszimmer und im Kabinet des Ministers nur mit Akten und Zahlen beschäftigt, auch davon etwas verstand.

Nun endlich waren wir in Dahme. Ein spitzer Kirchthurm schaute lange schon über eine Anzahl Dächer herüber, und umgeben von einem weiten, bäuerlich aussehenden Garten stand ein schlichtes, großes Haus vor uns, vor dem der Wagen still hielt.

»So, da wären wir glücklich!« rief die Tante und sprang vom Bock herunter, mit der Peitsche ein Paar große Hunde abwehrend, welche mit wüthendem Gebell zum Hofthore herausstürzten, das ein Knecht öffnete.

Hinter dem Knechte erschienen zwei junge Mädchen, welche ich für Dienerinnen hielt und ihnen schweigend meine Sachen zu tragen gab, die ich im Wagen hatte. Da stellte Tante Marie sie mir plötzlich als ihre Töchter Lottchen und Hannchen vor. Denke Dir meinen Schrecken! Ganz verdutzt über meine so äußerst simpel aussehenden Cousinen folgte ich denselben nun in den Hof, der das Haus von drei Seiten umgab, und in dem ich wirklich, wie Tante Marie gesagt, in der Mitte einen mächtig breiten, glatten, wohlgepflegten und umzäumten Misthaufen erblickte, auf dem sich eine Masse Hühner, Enten und Gänse, Futter suchend, umhertrieben. Rings im Hofe, der von Wirthschaftsgebäuden umgeben ist, standen eine Menge Pflüge, Wagen und was weiß ich alles, und eine Anzahl Arbeiter waren dabei, Pferde an- und abzuschirren. Tante Marie lief sogleich zu diesen Leuten hinüber und gab einige Befehle, und wenige Minuten darauf rasselte ein Leiterwagen zum Thore hinaus, wahrscheinlich um meine unglücklichen Koffer von der Bahn zu holen.

Als wir in das Haus eingetreten waren, umarmte Tante Marie mich noch einmal und begrüßte mich als lieben Gast. Auch meine Cousinen kamen jetzt ganz zutraulich herbei und nahmen mir Hut und Mäntelchen ab, mit höchst verwunderten Blicken meine Frisur und Toilette betrachtend, wie ich wohl merkte. Ich kam mir in meinem Anzuge, der doch nur eben modern und gewiß nicht übertrieben elegant ist, hier in dieser grenzenlos einfachen, ja ich möchte sagen, ärmlichen Umgebung aber auch selbst höchst eigenthümlich vor, wie eine Prinzessin im Kreise von schlichten Bürgersleuten. Und doch ist Tante Marie die Schwester meiner Mutter, also bin ich doch gar nicht vornehmer als meine Cousinen, wenn mein Papa auch ein hoher Staatsbeamter ist. Uebrigens sind diese meine Cousinen ganz hübsche Mädchen, nur freilich zu roth und zu gesund aussehend für unsere Cirkel. Das glatt gescheitelte Haar, wie es bekanntlich jetzt nur noch die Engel tragen, bei Charlotte dunkel, bei Hannchen weich und blond, umrahmt angenehme Züge, und die blauen Kornblumenaugen blicken ohne Falsch in die Welt hinein. Aber denke Dir, daß meine Cousinen in dunkeln Kattun gekleidet sind, wie ihn unsere Dienstleute tragen, ohne einen Schatten von Ueberwurf oder Garnierung, und helle, bunte Kattunschürzen liegen darüber zum Schutz dieser kostbaren Gewänder. Und welcher Schnitt von Taille und Aermel! Wahrhaft lächerlich einfach. Der Onkel, der jetzt rasch und laut in das Zimmer trat und uns wie ein rechter Biedermann begrüßte, ist der Typus eines schlichten Landmannes vom Kopf bis zur Zehe. Seine blonden, krausen Haarlocken und das feuerrothe Gesicht, aus dem die hellen, blauen Augen ordentlich spashaft bunt herausleuchten, werden von ein Paar mächtig breiten Schultern getragen, und der ganze prachtvolle Mann steht so fest und sicher mit seinen Füßen in den riesigen Stulpenstiefeln, als gehörte ihm die ganze Welt. Aber wenn Du denkst, das ist nun die ganze Familie, da irrst Du Dich sehr. Jene beiden Cousinen sind nur die Aeltesten einer ganzen Reihe von Kindern. Zuerst präsentirte sich noch ein halbreifer Backfisch in ausgewachsenen Kleidern, mit einem schüchternen Gesicht und linkischem Benehmen; dann ein Bursche von etwa 13 Jahren, der gerade zu den Ferien hier ist, ein richtiger Schlagtodt, und endlich kommen noch ein Mädel und zwei kleine Jungen, der Jüngste etwa 3-1/2 Jahr alt. Und das ist alles roth und dick und kräftig und gesund, bald schwarz wie die Mutter, bald blond wie Papa, und lacht und schwatzt und läuft durcheinander, daß einem der Kopf schwirren möchte. Lieber Gott, wenn ich an meine beiden blassen, stillen Geschwister zu Hause denke, wie wird mir da! Die hätte Papa herschicken sollen, daß sie frisch und gesund hier werden, ich mag ja gar nicht solche unverschämt rothen Backen haben, wie Hannchen und Lottchen, das ist ja so schrecklich gewöhnlich. Nun ich denke, ich werde mich wohl davor hüten können. Aber freilich, diese Kost, welche hier täglich genossen wird, ist dazu angethan, den Körper robust und derb zu machen. Was wird hier alles aufgetragen! Von diesen Riesenschinken, diesen armstarken Würsten, diesen mächtigen Fleischstücken, welche hier geräuchert, gekocht und gebraten die Tafel möchten brechen machen, hast Du gar keine Idee. Und diese Butter, dieser Honig, diese Milch und Sahne und diese Fülle von Obst — ich meine oft, ich bin im Lande Kanaan, und Onkel Bremer lacht immer über sein ganzes, hübsches Gesicht, wenn er mein Staunen über solche Fülle mit ansieht. Welche Ueberwindung kostet es da, nicht frisch drauf los zu schmausen, sondern an seine zierliche Figur zu denken, für welche solche Kost ewiger Ruin wäre. Denke Dir, wenn ich als derbe, plumpe, feuerrothe Landdirne mit dicker Taille und braunem Gesicht und Händen wieder zu Dir käme! Was würde wohl Baron L. dazu sagen? Und wie würde Lieutenant v. F. verächtlich sein bleiches Bärtchen drehen und mit einem hm, hm, ei wie Schade! seinen Augenkneifer eilig wieder herabfallen lassen, durch den er die ehemalige »Rosenknospe« bewundern wollte.

Aber ich schreibe alles durcheinander und wollte Dir doch von dem Leben hier noch etwas erzählen. Den nächsten Tag, als Papa noch hier blieb, war das Treiben im Hause noch etwas festlich und aus dem Geleise gebracht, dann aber ging alles wieder seinen regelmäßigen Gang, gerade wie ein Uhrwerk, und da bin ich denn mitten hinein gefallen, ohne daß irgend Jemand sich in seinen täglichen Arbeiten stören läßt oder besondere Notiz von mir nimmt. Jedermann ist herzlich und freundlich gegen mich, wie man denn den ganzen Tag kein böses Wort hört, trotz der vielen Kinder. Aber ich fühle mich doch im höchsten Grade unbehaglich; denn was soll ich unter diesen Menschen, die den ganzen Tag vom frühesten Morgengrauen, (o mein Gott, wie entsetzlich früh!!) bis in die Nacht hinein nichts thun als arbeiten, arbeiten! Am ersten Tage meinte ich, man habe etwas Besonderes vor, daß alles so unablässig thätig war; aber nun merke ich wohl, man treibt es nie anders. Mir schwindelt ordentlich, wenn ich sehe, wie meine Cousinen immerfort nähen, stricken, kochen, plätten, im Hof und Garten, Küche und Keller wirthschaften, und die Tante an der Spitze; denn sie arbeitet wie ein Mann und hat die Wirthschaft und die Leute in fabelhafter Zucht und Ordnung. Man hat mir einen Einblick gegeben, wie alles im Hause eingetheilt ist und wie jeder seine Arbeit zugewiesen erhält. In dieser Woche hat Hannchen die Küche und Lottchen die Milchwirthschaft und die Nähereien, und selbst Martha, der Backfisch, hat sein Revier meist in der Kinderstube. In nächster Woche wechselt die Eintheilung wieder: Lottchen bekommt Hannchens Arbeit und umgekehrt Hannchen die Lottchens. Tante führt die Oberleitung und steht sogar oft dem Onkel bei; denn sie besitzt Kenntnisse und Verstand wie ein Landwirth. Sogar die kleinen Kinder helfen schon in ihrer Weise, indem sie ihre Sachen selbst aufräumen, sich unter einander beim Anziehen beistehen, im Garten oder der Küche kleine Dienste thun, kurz, wie kleine Sclaven schon ganz wacker ihre Kette nachschleppen. Du kannst denken, wie mir bei solchem Leben zu Muthe ist. Kennt man denn in diesem Hause keine besseren Beschäftigungen? Wo bleibt da Bildung und Sinn für edlere Dinge? Und von irgend welchem Vergnügen ist nie und nimmer die Rede. Heißt das Jugendglück, heißt das Lebensgenuß für ein junges Mädchen? O wie froh bin ich, daß ich anderes kennen gelernt, daß ich anders erzogen und aufgewachsen bin, als meine armen Cousinen, die mir schrecklich Leid thun würden, wenn sie nicht so äußerst zufrieden und froh in die Welt hinein blickten und nichts anderes wünschen. Aber wie ich es hier lange aushalten soll, das mag Gott wissen. Bedaure mich etwas, meine theure Franziska, und schreibe bald

Deiner Frida.«