Was Frida in großen Zügen ihrer Freundin mitgetheilt, das war allerdings Wahrheit. Der Geist, der dieses Haus beherrschte, war der Geist der Arbeit, und Jedermann schien sich dabei äußerst wohl zu fühlen. Frida freilich kam sich in dieser Welt unsäglich überflüssig vor. Ueberall war sie im Wege und fühlte sich einsam mitten unter den vielen Bewohnern des Hauses. Bisher war sie stets die Bewunderte und Tonangebende gewesen; ihre Freundinnen hatten ihr gehuldigt und geschmeichelt, der Vater alles gut und schön gefunden, was sie that, und ihr Wille wurde Gebot für das ganze Haus. Hier war sie ein Glied einer langen Kette, und niemand dachte daran, daß sie im Herzen andere Ansprüche machte. Der Vater hatte sie hergebracht, damit sie wie eine Tochter des Hauses in der Familie leben sollte, und wie eine solche wurde sie in dem Kreise aufgenommen und gehalten, gerade so und nicht anders, nur daß man eben keine Arbeiten von ihr verlangte. Aber Umstände machte man freilich auch nicht mit ihr. Ihr Zimmerchen lag neben dem von Charlotte und Hannchen. Es war eben so einfach, wie alles sonst im Hause, und Frida meinte zuerst, hier könne sie es nicht aushalten. Das verzärtelte Kind setzte zu Haus den Fuß auf weiche Teppiche, sowie sie das Bett verließ, und tausend zierliche und üppige Bequemlichkeiten umgaben sie, welche sie von jeher als etwas Selbstverständliches betrachtet hatte. Mit flinker Hand stand die Jungfer schon beim ersten Erwachen des jungen Dämchens bereit, ihre Dienste anzubieten, und ohne daß sie selbst es wußte war Frida ein unsäglich verwöhntes und verzärteltes Prinzeßchen geworden. Was Wunder, wenn ihr die so äußerst einfachen Zustände in dem Pächterhause als abschreckend und unerträglich vorkamen. Am ersten Abend hatten die Cousinen bereitwillig ihre Dienste angeboten, als Frida sich auskleidete; war es ja doch für die einfachen Mädchen ein wahres Fest, Frida's zierliche und elegante Toilette so Stück für Stück in der Hand mustern und bewundern zu können. Achtlos warf Frida all die kostbaren Dinge auf Stühlen und Fußboden umher, denn sie war nicht daran gewöhnt, selbst etwas aufzuräumen. Die Cousinen flogen eilfertig hierhin und dorthin zu ihrer Bedienung, räumten und ordneten, falteten und glätteten mit geschäftigen Händen, und Frida nahm ruhig alles hin, als gehöre sich das so. Endlich löste sie ihr reiches, blondes Haar auf, das die Jungfer ihr vor dem Schlafengehen stets sorgfältig kämmte und bürstete. Beim Losstecken desselben fielen einige Locken und Toupé's zur Erde, welche den hohen modernen Aufbau der Frisur noch höher und reicher gemacht hatten, wie es bei den jungen Modedamen so Sitte ist. Laut auflachend hob Hannchen diese Trophäen der Eitelkeit empor und hielt sie staunend in den Händen.

»Aber Frida, warum packst du dir denn solch' falsches Zeug auf deinen Kopf?« rief sie verwundert. »Du hast ja so schönes Haar; das fremde möchte ich nicht tragen, wer weiß, wer das auf dem Kopfe gehabt hat!« Frida nahm ihr die Dinge verdrießlich aus der Hand und sagte: »Das verstehst du nicht; in der Stadt kleidet man sich eben wie die Mode es fordert. Mein eigenes Haar ist mir oft sogar im Wege, fremdes frisirt sich viel besser. Aber hier freilich scheint es mir unnütz, denn wer soll mich hier frisiren?« Aergerlich griff sie bei diesen Worten zum Kamm und fuhr sich hastig und ungeschickt durch das lange, dichte Haar, da sie in Abwesenheit ihrer Jungfer dies Geschäft selbst machen mußte. Da es ihr aber nicht gelang, warf sie den Kamm verdrießlich wieder hin und wollte das Haar ungekämmt aufstecken. Sie verfitzte es dabei jedoch so arg, daß Lottchen endlich zugriff und rief: »O das schöne Haar! Warum verwirrst du es denn so? Soll ich es dir auskämmen, Cousinchen?«

Und flink huschte der Kamm bei den Worten schon durch das weiche Haar, was das junge Mädchen ruhig geschehen ließ.

»Mein Gott, warum Papa nur nicht wollte, daß ich meine Jungfer mitnahm!« klagte Frida verstimmt, »wie soll ich denn mit meiner Toilette allein fertig werden?«

»O wir helfen dir, liebe Cousine,« riefen die jungen Mädchen.

»Aber habt ihr denn keine Jungfer, die euch anzieht?« fragte Frida erstaunt, und ein schallendes Gelächter antwortete ihr.

»Eine Jungfer? Wir?« rief Lottchen belustigt. »Ja was sollten wir denn mit der? Wir machen alles selbst, und ich wüßte gar nicht wie spaßig ich mich dabei anstellen würde, wenn ich mich sollte in allen Stücken bedienen lassen. Seit wir erwachsen sind, Hannchen und ich, haben wir der Mutter alles abgenommen, im Hause und in der Wirthschaft. Vater hat einen sehr hohen Pachtzins zu zahlen, da müssen wir alle sparen helfen, und Gott hat uns ja gesunde Glieder gegeben, die arbeiten können. Unnütze Dienstleute kosten Geld; so haben wir jetzt auch für die Milchwirthschaft keine Mamsell mehr, sondern besorgen diese Geschäfte abwechselnd. Diese Woche bin ich an der Reihe, und wenn ich morgen früh um 3 Uhr aufstehe, um in den Kuhstall zu gehen, so erschrick nicht über die Störung; beim Melken muß ich dabei sein.«

»Was, um drei willst du aufstehen?« rief Frida entsetzt. »Das ist ja fürchterlich! Bist du denn da nicht den ganzen Tag nervös und müde?«

»Nervös niemals, ich weiß gar nicht, was das ist,« sagte Lottchen. »Müde jedoch bin ich natürlich oft rechtschaffen; aber das schadet nichts, da schläft sich's um so schöner. Und wenn man seine Arbeit hat, vergißt man die Müdigkeit. Ich denke, du wirst schon Gefallen am Landleben bekommen, und ich freue mich darauf, dir unsere sauberen Ställe zu zeigen mit dem schmucken Vieh; die schönen Milchkeller mit den vielen Milchschüsseln und Butterfässern und dann die anderen Wirthschaftsräume alle — o ich sage dir, es ist eine wahre Lust, darin thätig zu sein. Um keinen Preis möchte ich unser Leben mit einem in der Stadt vertauschen, obwohl ich gar keine rechte Vorstellung habe, was ihr in der Stadt eigentlich treibt ohne Vieh und ohne Landwirthschaft.«