Aber mit sinkendem Tag legte sich der Jubel. Gerüchte rannten durch die Stadt, Gespenster. Begegnende tauschten hastige Worte: Was werden die Indios machen?

Die Indianer! Gewiß, die neue Revolutionsregierung hatte sich ja auch an sie gewandt. Recht und Freiheit allen Unterdrückten! Aber man konnte nie wissen. Auch als Bundesgenossen konnten sie gefährlich werden. War es nicht in der Revolution der neunziger Jahre, als die Konservativen gestürzt wurden? Damals hatte man die Hochlandsindianer bewaffnet; aber schließlich kannten sie weder Freund noch Feind, nur noch Blancos, Weiße, gegen die jahrhundertelang gebändigter Haß endlich Rachemöglichkeit fand. Eine ganze Schwadron, die sich, von den Indios gejagt, in eine Kirche geflüchtet, wurde dort abgeschlachtet, daß Fliesen und Pfeiler im Blut schwammen....

Die Nacht verging ohne Störung; — auch die folgenden Tage. Aber die Gerüchte blieben. Auf der Puna, dem Andenhochland, waren die Indianer aufgestanden.

In graubrauner Monotonie dehnt sich die grandios-traurige Unendlichkeit des Hochplateaus. Auf den Stationen Militär, Gendarmen, Gefangene. Es sind nur einige Fincas, heißt es, auf denen die Indianer sich empörten, die Gutshäuser angezündet und die Verwalter niedergemetzelt haben. Man wird mit ihnen bald fertig sein. —

Hinter der Kühle des Kreuzgangs des Klosters am See, den blutrot die Inkablume umrankt, liegt das Zimmer des Priors. Wir sitzen beisammen und plaudern. Neben der Bettstatt steht ein Gewehr. Auch in den Zellen der Mönche sah ich die Waffe.

„Warum?“

„Man kann nie wissen“..., über das kluge, faltenreiche Gesicht huscht kaum merkbares Lächeln, „— freilich, die Jungfrau von Copacabana ist unser bester Schutz. An sie werden sich die Indianer nicht wagen. Aber immerhin — es ist besser so.“

Die heilige Jungfrau von Copacabana ist mehrere hundert Jahre alt. Die ersten bekehrten Indianer schufen sie. Vielleicht wollen sie kommen, sich ihr Eigentum wiederzuholen.

Längs des gegenüberliegenden Seeufers dehnen sich kilometer-, meilen-, königreichweit die Fincas Goytias. Ein typisch amerikanisches Schicksal: vom indianischen Maultiertreiber brachte er es zum vielfachen Millionär und einflußreichsten Manne im Staat. Heute liegen die Fenster seines Palastes in La Paz in Scherben. Er selbst ist landflüchtig.

Die Hörigen auf seinen Gütern, die er mehr bedrückte als jeder Weiße, trotzdem er oder vielleicht weil er eines Stammes, einer Rasse mit ihnen ist, witterten Freiheit. Sie standen auf und schlugen ihre Sklavenhalter nieder. Die Revolution hatte doch Freiheit und Gerechtigkeit gebracht!