Andächtig liegt die Menge auf den Knien, Indios und Cholas in bunter Anzahl. Dazwischen die Frauen, die ihre Kinder vom Rücken herabgenommen und vor sich gelegt haben. Die grellen Farben der Ponchos und Frauentücher leuchten wie bunte Flammen. Die Orgel tönt. Unermüdlich geht der Gesang: „Heilige Jungfrau Maria, Mutter Gottes, bitt für uns.“

Hinter der Kirche träumt der stille Frieden des Konvents. Die Inkablume läßt ihre roten Glocken hängen. Ein Brunnen rauscht.

Vor dem Tor hockt noch immer der zerlumpte Bettler, der sich, wenn jetzt der Tag zur Neige geht, enger in seinen zerrissenen Poncho wickelt.

Der Weihrauchduft hängt noch in den Kleidern, die Hymnen klingen nach im Ohr, als ich den Hügel hinansteige. Einen intensiven Goldglanz breitet die sinkende Sonne über die Landschaft. Wie sie jetzt in den See taucht, färbt sich seine Flut blutrot. Ein glühendes Kohlenbecken, liegt der See zwischen den Felsen. Krieg, Krieg, ruft das flackernde Rot, aber da tönen von unten herauf wieder Glocken. Das allzu grelle Licht verblaßt zu sanftem Rosa, und in stillem Frieden verscheidet der Tag. —

In seinem bekannten Werke über Südamerika bringt Jakob von Tschudi die Nachbildung einer Darstellung einer Prozession zur Ehre der Muttergottes von Copacabana. Die Originalzeichnung rührt von einem einheimischen indianischen Künstler her, und sie ist so eigenartig in ihrer naiven und doch bezeichnenden Schilderung, daß ich die Leser meines Buches mit ihr bekannt mache.

45. Indianeraufstand.

Copacabana.

Das Maschinengewehrfeuer war verhallt, die Revolution hatte gesiegt. Bewaffnete Aufständische an allen Straßenecken, die Gefängnisse voll von Ministern und Beamten der gestürzten Partei. Auf der Plaza von La Paz wollte das Viva-Rufen auf die neuen Machthaber kein Ende nehmen.