Doch halt! Eine Schwierigkeit vergaß ich, eine Sperre, die die Natur zog und die vielleicht doch verhindert, daß hier auf dem Dache Südamerikas einmal der bevorzugteste Luftkurort der New Yorker „Upper Ten“ ersteht. Die bolivianische Hochebene, von der aus die Bergwände gen Himmel streben und von der schluchtartig abstürzende Täler unmittelbar in die subtropischen und tropischen Provinzen hinunterführen, liegt 4000 Meter hoch. Nur ein ganz gesundes Herz vermag diese Höhe zu ertragen, und selbst den Gesunden, Kräftigen fällt in der ersten Zeit oft genug die Soroche, die Bergkrankheit, an. Obwohl ich selbst ohne allzu fühlbare Beschwerden von Antofagasta aus diese Höhe erreichte, so bekam ich doch die ganze Gewalt der Bergkrankheit zu spüren, als ich allzu leichtsinnig bereits am ersten Tag auf den Vulkan Ollague zu klettern versuchte. Von seinem Krater trieb mich in 5000 Meter Höhe die Soroche zurück.
Später lernte ich auch die 5000-Meter-Zone ohne Atemnot und Herzbeklemmung erreichen. Allein die Beschwerden und Schwierigkeiten der dünnen Luft steigen im quadratischen Verhältnis mit jedem Meter weiterer Höhe, und so ist noch ein weiter Schritt von den 5000 bis zu den 6000 und 6600 Meter Höhe, die die Eisspitzen des bolivianischen Bergmassivs erreichen und überschreiten.
Hierin und in dem Mangel jeglicher alpiner Hilfsmittel, in dem Fehlen von Schutzhütten und Stützpunkten, in der Unmöglichkeit, Führer oder Träger zu beschaffen, liegt der Grund, daß die ganze Bergwelt der bolivianischen Fels- und Eisriesen bis heute so gut wie unerschlossen ist; der Anfang zu einer alpinen Erforschung wurde erst vor einigen Jahren gemacht.
Ein Unternehmen wie die geplante Besteigung des Mount Everest beschäftigte monatelang die ganze Welt. Aufsätze und Bilder von dieser Expedition gingen, trotzdem sie nicht zum Ziele kam, durch die Presse aller Länder. Von den erfolgreichen, kaum weniger schwierigen Versuchen aber, die ein paar junge, unternehmende Deutsche an die Eroberung der Eisspitzen des „amerikanischen Himalajas“ wagten, ist kaum über Bolivien hinaus Kunde gedrungen.
Vier Deutsche, Adolf Schulz, Rudolf Dienst, Eduard Overlack und Bengel, waren es, die während des Krieges auf dem 6405 Meter hohen Illimani die deutsche Fahne aufpflanzten. Rudolf Dienst und Lohse bezwangen außerdem den um ein weniges niedrigeren, aber noch schwerer ersteigbaren Huaina Potosi, während sich den Anstrengungen des unermüdlichen Rudolf Dienst im Verein mit Schulz schließlich selbst der höchste Berg Boliviens, der Illampu, beugen mußte, an dessen steilen Eiswänden im Jahre 1898 der englische Bergsteiger Sir Martin Conway gescheitert war.
Monatelang hatte ich in La Paz von meinem Häuschen aus, das wie ein Nest am Berghang hing, das Massiv des Illimani vor mir. Ich sah es morgens in dem intensiven Rot des Rosenquarzes aufleuchten und sah es über das schimmernde Weiß seiner Schneefelder und Gletscher und über den Purpur des Abendglühens bis in die tiefen Schatten der blauen Stunde verdämmern. Einmal umritt ich in tagelangem Ritt das ungeheuere Massiv dieses Bergblockes und erlebte, zwischen Palmen und Bananen reitend, das Märchenwunder, aus blauem und grauem Felsgetürm die blendend weiße Eisspitze des Berges in den tiefblauen Himmel stoßen zu sehen.
Bergwerk in der bolivianischen Kordillere.
Mazamorra.