Der Morro bei Arica.
Südbrasilianische Kolonisten.
Um einen Begriff von den Schwierigkeiten der Besteigung des Illimani zu bekommen, muß man sich klarmachen, daß die indianischen Träger in blinder Gespensterfurcht vor den Berggeistern sich weigerten, die Gletscher zu betreten, daß Decken, Schlafsäcke und Lebensmittel unter der Firngrenze zurückgelassen werden mußten. Ohne genügende Mäntel, nur mit dem nötigsten Proviant wurde die Eisregion angegangen, nachts hockten die Bergsteiger frierend auf dem blanken Eis, tagsüber erklommen sie die Felsgrate und schleppten obendrein die schwere Fahnenstange mit der deutschen Flagge in der eiskalten, dünnen Luft.
Dabei empfingen die kühnen Besteiger, als sie nach ungeheueren Anstrengungen und Mühen schließlich wieder heruntergestiegen waren, zunächst nur Angriffe, Hohn und Spott. Es war mitten im Krieg, und man war um diese Zeit in Bolivien nicht sehr deutschfreundlich.
Die Behauptung der Bergsteiger, den Illimani bezwungen zu haben, wurde zunächst glatt als Lüge abgetan. Man suchte den Gipfel des Berges nach der angeblich dort aufgepflanzten Fahne ab, und als man sie nicht entdeckte, wurde von der Geographischen Gesellschaft von La Paz ein Dokument aufgesetzt, das das Nichtvorhandensein der Fahne feststellte und die Behauptung von der Ersteigung als unwahr zurückwies. Dieses Dokument sollte gerade im Observatorium der Jesuiten unterzeichnet werden, da stürzte einer der Herren, der nochmals mit dem großen Teleskop die Bergspitze abgesucht hatte, aufgeregt in das Beratungszimmer und schreckte die dort Versammelten mit dem Rufe: „Die Fahne ist da!“ Die Beleuchtungsverhältnisse hatten sich geändert, und tatsächlich konnte man deutlich die Flagge sehen.
Nun brach aber erst recht ein Sturm der Empörung aus, und unter Führung der alliiertenfreundlichen Presse entrüstete sich das ganze Land, daß man gewagt habe, die deutsche Fahne auf dem bolivianischen Berg aufzupflanzen.
Wochenlang dauerten diese Schmähungen und Angriffe. Die kühnen Bergsteiger ließen sich dadurch nicht anfechten. Es kam ihnen nicht auf den Ruhm, sondern lediglich auf die alpine Leistung an, und sie gingen darum nur noch unauffälliger an die weiteren Erstbesteigungen, die sie vorhatten. In der Folge wurde der unersteigbar scheinende Grat des Huaina Potosi bezwungen und endlich auch der höchste Gipfel Boliviens, der 6617 Meter hohe Illampu.
Diese letzte Besteigung war die kühnste von allen. Nach den ersten abgeschlagenen Versuchen, die Spitze zu erreichen, kehrten die beiden Männer, Dienst und Schulz, erschöpft in das letzte Lager zurück, das in einer Eishöhle aufgeschlagen war. Der Proviant war bis auf geringe Reste verzehrt. Die Träger, Bergarbeiter, konnten in ihrem Bergwerk nicht länger entbehrt werden, und man hatte sie mit den Decken und Schlafsäcken hinuntergehen lassen müssen. Die beiden gaben trotzdem den Versuch nicht auf. Da man noch eine Nachtrast im Eis ohne die Gefahr des Erfrierens nicht wagen durfte, ruhten sie den Tag über in der Sonne aus und gingen daran, mit Anbruch der Nacht beim Scheine des Mondes die Eisspitze zu erklettern. Nachdem sie Tag und Nacht geklettert, erreichten sie um 4 Uhr nachmittags in rasendem, eisigem Sturm die Spitze. Mit frosterstarrten Händen pflanzen sie eine kleine Fahne auf und müssen dann eilen, wieder hinunterzukommen. Vor sich haben sie keinerlei Stützpunkte mehr. Die Träger sind schon unten im Bergwerk. Da Gefahr besteht, daß sie in ihrem erschöpften Zustand den ganzen, auf dem Anstieg eingeschlagenen Weg nicht mehr leisten können, beschließen sie, auf gut Glück eine neue kürzere Linie zu versuchen, durch den großen Eisschlund, der sich zwischen dem Illampu und seinem 6560 Meter hohen Zwillingsgipfel Ancohuma auftut. Das Wagnis ist ungeheuerlich. Ist auf dieser Linie der Abstieg unmöglich, so fehlt den Erschöpften die Kraft, umzukehren und die Anstiegslinie wieder zu erreichen. Allein das tollkühne Wagnis gelang, und in etwa elf Stunden führten sie den Abstieg aus von den 6600 Metern des Gipfels bis zu 3260 Meter, wo das rettende Bergwerk sie aufnahm.