47. Mazamorra.

Arica.

Arme Mädel gibt’s, so unglückliche gibt’s... (Hay pobres mujeres, hay tan desgraciadas!) Mit Begeisterung sangen die Soldaten im Kupee, aber was dann folgte, konnte ich nicht verstehen, so laut kicherten die Indianermädel; es mußte wohl sehr unpassend sein, denn sie wurden rot, soweit das bei ihrer braunen Haut überhaupt möglich war, und stolz und triumphierend sahen sich die Soldaten um und fingen das schöne Lied immer wieder von vorne an.

Allein mit einemmal stockten sie mitten im Vers, es gab einen furchtbaren Ruck, alles purzelte durcheinander, der Zug stand. Die Gleise entlang liefen Leute, bauten einen Apparat auf, warfen einen Draht über die Telegraphenleitung und fingen an zu telegraphieren.

Ich stieg aus und ging nach vorn. Sehr weit über die Lokomotive hinaus kam ich nicht. Eine Mazamorra war heruntergebrochen. Ein unheimliches Bild: ein breiter, wandernder Strom zähen Lehmes, der sich die Hänge herunterwälzte. Fast sah es aus wie eine Heerschar von Ameisen oder wimmelnden Würmern, endlos, unaufhaltsam, unabsehbar.

Arbeiter kamen angelaufen, Scharen von Indianern, Spaten und Hacken über den Schultern, telegraphisch heraufgerufen von La Paz, das man noch unten im Grunde im Abendlicht verdämmern sah. Sie gruben und hackten, zogen Kanäle, daß das Wasser abfloß, und stauten den erhärtenden Schlamm beiderseits der Schienen. Ein Aufseher probierte, um den Weg abzukürzen, über die Morastdecke zu kommen; bis über die Knie sank er ein. Der Schlamm wollte ihn nicht wieder freigeben, wie mit Fesseln hielt er ihn gebunden. Grauenhaft, wenn einen auf einsamem Ritt in engem Tal die Mazamorra überfällt ...

Am folgenden Morgen passierten wir fröstelnd die dichtverschneite chilenisch-bolivianische Grenze. Dann ging’s hinunter in rasender Fahrt, eine Spirale hinunter, in die brennend heiße Wüstenzone der Provinz Tacna.

Sand, Stein, Staub. Nackter Fels, glühend, in sengender Sonne. Keine Pflanze, kein Tier und im Gegensatz zu den Salpeterprovinzen weiter im Süden auch kein Mineral. Tacna ist das Symbol der Unfruchtbarkeit, und dennoch kämpften drei Nationen blutig um den Besitz dieser Provinz, heute noch streiten sie sich darum. Noch war keine Einigkeit um ihre endgültige Zugehörigkeit zu erzielen, und jeden Augenblick kann neu der Krieg ausbrechen, der die kaum zur Ruhe gekommene Wirtschaft dieser jungen, unruhigen Länder wieder auf Jahrzehnte vernichten würde. — Mazamorra.

In Arica, der Hafenstadt der Provinz, wächst ein bißchen Grün, auf das man sehr stolz ist, und das blauende Meer hilft mit, die Trostlosigkeit der Landschaft zu überwinden. Vom Dampfer aus sieht man noch lange den Morro, den Steilfels, den die Chilenen im Pazifikkriege stürmten.