„Um des Morro willen, um des chilenischen Blutes willen, das diesen Fels gefärbt, können wir Tacna und Arica niemals wieder aufgeben“, hatten mir die Chilenen gesagt.

„Von diesem Fels“, erzählten mir die Peruaner, „stürzten die Chilenen die Gefangenen ins Meer hinunter. Diese Schmach wird erst gesühnt sein, wenn das rot-weiß-rote Banner Perus wieder über dem Morro flattert.“

Wer den Weltkrieg mitgemacht, kann nur traurig die Achseln zucken, kein Volk lernt vom andern.

Die schwarzen, feinen Striche der Langrohrkanonen heben sich noch lange vom klaren Himmel ab. Der Südchilene, der unverkennbar die Spuren deutschen Blutes im Antlitz trägt, streckt den hageren Arm aus und zeigt seiner Frau den Fels; als sechzehnjähriger Junge hat er ihn mitgestürmt. Die Frau an seiner Seite ist klein, zierlich, gazellenhaft, mit der pfirsichweichen, bronzebraunen Haut der Peruanerin. Um sie herum auf der auf dem Deck ausgebreiteten Matratze spielen drei blonde Kinder.

Auch die Frau an meiner anderen Seite ist bildschön. Einen Mann hat sie nicht, nur zwei schwarzlockige, schmutzige Kinder. Die Matratzenlager der beiden Familien pressen mein Feldbett so eng zusammen, daß kaum Raum daneben bleibt. Übervoll ist das Deck. Hier sagt man nicht „Zwischendeck“, geschweige denn „Dritte Klasse“, sondern einfach „Deck“. Die Schiffsgesellschaft gibt nicht mehr als das Recht, sich irgendwo auf dem Deck einen Platz zu suchen und dazu mittags und abends einen Löffel Bohnen. Dafür verlangt sie, für die Strecke von Arica nach Valparaiso, 85 chilenische Peso. Für den Gegenwert in Mark fuhr man im Frieden von Hamburg dorthin erster Klasse.

Ich fahre mit auf „Deck“ mitten unter den Rottos, den chilenischen Salpeterarbeitern. Es ist der beste Weg, sie kennenzulernen und zu erfahren, welche Strömungen die Massen bewegen. Immerhin, auf die Dauer ist das Vergnügen zweifelhaft. Wir fahren fast acht Tage, der Dampfer schlingert stark, alles ist seekrank. Auch alles übrige wird auf Deck erledigt. Meine Nachbarin, die ohne Mann, ist so seekrank, daß sie sich kaum rühren kann. So bleibt mir als Kavalier und schon im eigenen Interesse nichts anderes übrig, als ihr beizustehen. Dazu gehört auch, das Töpfchen über Bord zu gießen. Unter uns ist die erste Klasse. Manchmal weht der Wind stark schiffwärts. Dann werden die da unten von meiner Tätigkeit nicht sehr erbaut sein. Macht nichts, in der ersten Klasse können sie auch einmal etwas abbekommen.

Oben auf Deck ist alles rot, sozialistisch, maximalistisch. Man lebt nicht umsonst jahrelang in der Hölle der Salpeteroficinen. Sobald der Dampfer auf der Reede eines Hafens hält und es mit der Seekrankheit etwas besser geworden ist, wird eifrig diskutiert: Für und gegen Alessandri. Oder es wird gesungen, mit wahrer Inbrunst und Andacht. Die Frauen singen mit. Mitschiffs liegt neben ihrem Mann ein starkes, breithüftiges Weib. Die mächtigen Schenkel deckt nur ein dünner Rock. Sie hält ein schmutziges, abgegriffenes Heftchen in der Hand und sie läßt keine Strophe aus. Zu ihren Füßen spielt der Säugling. Als er zu schreien anfängt, knöpft sie die Bluse auf, legt die starken, gelblichbraunen Brüste frei und zieht, ohne die Stellung zu verändern, den Säugling heran, daß er daran liegt wie ein kleines Tier. Keinen Augenblick stockt dabei ihr Gesang, und in dem langgedehnten „Socialiii-sta“ liegt unendliche Hingegebenheit und inbrünstige Hoffnung.

Mit dieser Hoffnung und Inbrunst sahen sie Alessandri den Präsidentenstuhl besteigen. Noch trägt ihn dieser Glaube. Wird er ihn sich bewahren können?

Am Tage nach der Landung in Valparaiso bin ich in Santiago bei Alessandri im Präsidentschaftspalais. Er ist derselbe geblieben, der er als Kandidat des Volkes war. Ich wohne einer öffentlichen Audienz bei. Hunderte von Anliegen muß er in einem Nachmittag erledigen. Dabei liegt schon ein voller Arbeitstag auf ihm. Man merkt ihm weder Ermüdung noch Nervosität an; zu der ärmlichen Frau im zerrissenen Rock spricht er in gleicher Weise wie zum hohen Beamten.