Ja, fruchtbar muß dieses Land sein. Als am nächsten Morgen die gelbe Quarantäneflagge am Fockmast niederging, wimmelte es rings um das Schiff von Booten, überladen mit Früchten: Bananen, rot und gelb, in dichten Trauben, und dreimal so groß wie jene kümmerlichen Früchte, die jetzt in Deutschland verkauft werden. Orangen, noch grün oder nur mit leichtem gelben Anflug — es ist hier ja erst Frühling —, aber faustgroß und größer Kokosnüsse und Ananas.
Zwischendeck und Kajüte kaufen und kaufen. Korb um Korb wird hochgezogen. Bald sieht es zwischen den Ladebäumen aus wie ein Fruchtladen. Die Hauptmannsfrau sitzt mit ihren drei Kindern inmitten von Bananen und Ananas. Der Wiener Komiker kommt die Arme voll Orangen von der Reling. Ein anderer schleppt Ananas in Büscheln. Hier trinkt einer eine Kokosnuß aus, und dort schiebt in stummem Staunen ein dreijähriger Blondkopf mit heiligem Ernst eine Banane in den Mund.
Allein die reiche, bunte Fülle will nicht recht zu den ärmlichen, blassen und schmalen Gesichtern passen. Wie anders sehen die strotzenden Bronzeleiber der Neger in den Booten aus, deren glänzende Haut über straff gespannten Muskeln Früchten gleich durch die zerrissenen weißen Hemden leuchtet.
Sie haben auch keinen Anteil an der Fülle dieser reichen Welt, mögen die deutschen Zwischendecker in der ersten Freude noch so sehr über ihre Verhältnisse kaufen. Sind die süßen Schätze auch spottbillig, für uns macht die Valuta sie teuer. Solange diese sich nicht ändert, bleiben wir Parias, ausgeschlossen von den Schätzen der Erde.
Die Valuta ist das große Problem, nicht nur der Sorge, sondern auch der Spekulation. Kaum sind die ersten Zeitungen an Bord, so sitzen sämtliche Herren über dem Studium der Kurse. Eine erregte Debatte entspinnt sich und eine komplizierte Rechnerei. Wie stand der Milreis im Frieden? Wie jetzt? Wo und wann kauft man am besten? Wie steht der Dollar, das Pfund Sterling, der Frank und die Lira? Sie haben alle im Verhältnis zur Vorkriegszeit keinen besonderen Stand gegenüber dem Milreis Brasiliens. Die Valuta dieser südamerikanischen Staaten, die man bei uns vor dem Kriege gern nicht für voll nahm, ist gewaltig in die Höhe geschnellt. Wird das bleiben? Stehen wir hier am Anfang einer Entwicklung, wie sie die Vereinigten Staaten durchliefen?
Lustig flattert über unsern Köpfen die Flagge Brasiliens mit der gelben Weltkugel im grünen Feld. Ein wenig phantastisch scheint sie und ein wenig anmaßend, aber vielleicht ist sie nur prophetisch. Wochenlang fahren wir an der Küste dieses Landes entlang, von dem kaum erst der zehnte Teil der Kultur erschlossen ist.
In unser Gespräch tönt das Rasseln des Dampfkranes. Die farbigen Gentlemen der hiesigen Lloydagentur lassen krachend die Kisten in die Leichter hinunterpoltern.
„Donnerwetter, das sind doch meine Kisten“ — der ehemalige Flieger springt plötzlich auf. Er nimmt sein Geld in Form von Bijouteriewaren mit hinüber und ist in Sorge, ob er auch alles richtig hinüberbekommt. Oder er sitzt und rechnet und rechnet, was ihn jedes einzelne Stück kostet und wieviel er dafür verlangen kann.
„Unter zweihundert Prozent Verdienst mache ich überhaupt kein Geschäft,“ meinte der argentinische Kaufmann zu ihm, der nun schon zum zweiten Male zum Einkauf nach Deutschland fuhr. Es liegt ein Hauch von Spekulation über dem ganzen Schiff, wie man ihn früher nicht kannte; denn jeder führt irgendeine Ware bei sich, mit der er phantastische Geschäfte zu machen hofft: Bijouterien oder Stahlwaren, Rasierapparate oder Ferngläser.
Der Bankbeamte, der aus dem Krieg nach Buenos Aires zurückkehrt, zieht eine goldene Uhr an kostbarer Kette. — „Die hätte ich mir sonst auch nicht gekauft.“ — Aber wer weiß, wie die Verhältnisse drüben liegen, was gebraucht wird und woran Überfluß herrscht. Die wenigen, die Bescheid wissen, schweigen oder renommieren.