Ehe noch der Dampfer den ersten amerikanischen Hafen anlief, wurde die Tote, die die Grippe im Zwischendeck gefordert, ins Meer versenkt. Es gab kein großes Aufheben, kaum daß der Dampfer einen Augenblick stoppte. Ein Geistlicher und ein Schiffsoffizier. Nur die alte verkümmerte Frau im blauen Umschlagtuch, die immer neben dem Mädchen in dem billigen Liegestuhl lag, stand noch dabei und starrte aufs Meer. Es war zwei Uhr nachts, als die Leiche auf dem Wasser aufschlug.
„Armes, ausgehungertes Volk!“ meinte am nächsten Morgen der argentinische Reisende auf der Reede von Pernambuco, „auf jeder Reise sterben ein paar.“ Mitleidig zuckte er die Achseln und ging nach dem Heck, wo gerade der dicke Holländer die Haiangel richtete. Ein Haufen Fahrgäste sah neugierig zu, wie er ein mächtiges Stück Fleisch an dem starken Eisenhaken befestigte. Kaum konnte der Steward sich durchwinden, der den Eimer mit den morgendlichen Brot- und Speiseresten über Bord schüttete. Man hat sich mit der Zeit ja daran gewöhnt, allein es gibt einem doch immer wieder einen Stich. Wie viele Menschen könnten in Deutschland davon leben!
Eine Regenböe fegte über Deck und färbte das Wasser schwarz. Weiß gischtete an der Mole die Brandung hoch. Mühsam kämpfte sich das Boot mit Arzt und Hafenkommandant hindurch. Drei Reisende stiegen ein, einer aus; Ladung wurde weder genommen noch gelöscht. Lohnte das Anlegen überhaupt? Der junge Deutsche, der auf seine Baumwollpflanzung in Parahyba fuhr, nannte es einen Wechsel auf die Zukunft. Stadt und Hafen stünde eine rasche Entwicklung bevor.
Wir fuhren weiter, ohne die Haie, die uns der Holländer versprochen. Dafür sahen wir am Nachmittag Wale. Wir mußten in eine ganze Herde hineingeraten sein; denn stundenlang sah man rings um das Schiff die breiten schwarzen Rücken auftauchen und das Wasser in Fontänen hochsprudeln. Wie mit Pastellfarben war dahinter die ferne Küste an den Horizont hingehaucht.
Am nächsten Abend liefen wir Bahia an. Eine flimmernde lichterfunkelnde Wand, baute sich über der tiefschwarzen Bucht die Stadt auf, in deren Gärten die köstlichsten Früchte des früchtereichen Landes wachsen, in deren Straßen aber Fieber und Seuchen nie erlöschen. Einer zähflüssigen Masse von Öl und Teer gleich, schien sich das träge flutende Wasser um den Schiffskörper zu legen. Langsam und immer langsamer fuhren wir, bis die Maschine stoppte und die Ankerketten rasselten.
Wie wir jetzt hielten, streckte die Stadt, die wie im Fieber zu uns herüberglühte, ihre feuchtwarme Hand über die Bai und sandte uns einen Atemzug schwüler, heißer Luft. Wir Nordländer lagen nach Kühlung lechzend an Deck; im Speisesaal aber, dessen dumpfe Luft wie glühender Brodem durch die Deckfenster hochstieg, saßen unangefochten von der Hitze die Brasilianer beisammen. Lachen, Singen, Gläserklingen, dazwischen Reden und immer wieder Reden. Die Brasilianer feierten den Quinze de Novembro, den Gedenktag der Ausrufung ihrer Republik. Durch die Fenster trinken sie uns zu. Gleich den Portugiesen haben sie uns vom ersten Tag an keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie gegen Deutschland und gegen die Deutschen keinerlei Haß fühlten, sondern mit ihnen in der Abneigung gegen Engländer und Yankees durchaus einig waren.
„Aber euere Teilnahme am Krieg?“
„Nun, das war eine Sache, mit der die Völker nichts zu tun hatten, ein Geschäft, das einige unserer Politiker mit England und den Vereinigten Staaten machten.“
Die Brasilianer sind wie alle Lateinamerikaner eine höfliche Nation, und man wird auf Stimmungen und Meinungen einiger Mitreisender kein allzu großes Gewicht legen dürfen; aber auch die Deutschbrasilianer auf dem Schiff hatten nur günstige Nachrichten.
Die Zahl der Deutschen, die Rio oder Santos zum Ziel haben, ist nicht klein. Einstweilen sind es nur Rückwanderer, die Besitz oder Stellung drüben haben. Aber neue Einwanderer werden folgen. Und der Kaffeepflanzer aus Santos, mit dem ich über die Aussichten sprach, meinte, der fruchtbare Süden biete auch den Kapitallosen gute Möglichkeiten zu raschem Aufstieg.