Ich pendle zwischen der höllischen und himmlischen Seite hin und her. Wie die hochzischende Rakete anzeigt, daß wir die Linie passieren, plaudere ich gerade mit den Schwestern. „Ein doppeltes Fest“, meint die Blasse, Sanfte.... „Wieso?“ — „Nun, Äquatorüberschreitung und Jahrestag des Waffenstillstandes.“ — „Den feiern wir nicht.“ Ein Abgrund tut sich auf zwischen mir und den sanften Schwestern. Brüsk wende ich mich ab.

Richtig, heut ist der elfte. Ein Jahr liegt das zurück. Nein, ein Jahrhundert, eine unmeßbare Zeit! Wie mag es in Deutschland aussehen? Wie ist dort der Neunte verlaufen? Keine Nachricht dringt zu uns. Die englischen Funksprüche wissen nur von Fußballwettspielen zu erzählen, von dem Besuch des spanischen Königs in England und des Prinzen von Wales in Kanada, von dem Flug des Basutohäuptlings über die City, aber nichts von Deutschland, höchstens daß der hohe Rat der Alliierten beschlossen, daß wir die bei Scapa Flow versenkten Schiffe ersetzen sollen.

Noch immer tanzt Lulu. Die Treppe herauf schiebt sich die Fettmasse des Levantiners, der sich immer im Zwischendeck herumtreibt und wie ein Mädchenhändler aussieht. Plötzlich bricht der Tanz ab. Die Paare drängen an die Reling. Lulu gleitet und fällt dem Levantiner in die Arme. Am Horizont loht eine Flamme auf. Ein Leuchtzeichen? Ein brennendes Schiff? Erst langsam erkennt man. Es ist der Mond. Wie Blut und Feuer hebt sich seine volle Scheibe über die schwarze See.

Der Tanz geht weiter. Die Stewards bringen neuen Sekt. Abgerissene Strophen wehen über Deck. Worte in allen Sprachen: „Dis donc, quand... Zweihundert Prozent... terenos... I bet you...“ Nur das Zwischendeck ist leer und still. Die Schiffsordnung hat alle unter Deck gejagt. In der schwülen, brütenden Hitze liegen hier schweißgebadet Hunderte von Männern und Frauen, enggeschichtet auf Stellagen neben- und übereinander. Fanatische Hoffnung auf bessere Zukunft läßt sie alles ertragen. Was wird sich erfüllen?

Das Firmament hat sich aufgeklärt. Ein neuer Sternenhimmel wölbt sich über uns, beängstigend in seiner strahlenden Fremdheit. Eine neue Welt, ein neues Leben für jeden, der jetzt die alte Heimat verläßt. Er steht allein. Wird ihn das machtlos gewordene Vaterland schützen können? Nur allein in seiner eigenen Brust ruhen seines Schicksals Wurzeln.

Ich suche in den Sternen zu lesen. Wie ihr Widerschein funkelt es im Kielwasser des Schiffes. Meeresleuchten! Von der Schraube hochgewirbelt steigen leuchtende Ballen an die Oberfläche, glühen auf und erlöschen wieder: Unsere Hoffnungen, unsere Wünsche, unser Leben!

2. Längs der Küste Brasiliens.

An Bord S. S. Frisia, Bahia.