Die alten, erfahrenen Argentinier und Brasilianer, die jetzt in ihre überseeische Heimat zurückkehren, schütteln den Kopf: „Wer durchhält, mag vorankommen, aber neunzig Prozent von dem, was jetzt hinüberfährt, geht zugrunde.“
Die auf das fremde Land, als auf die letzte Karte, alles gesetzt haben, lassen sich nicht irremachen. „So schlecht wird es nicht sein; zum mindesten: wir werden unter den restlichen zehn Prozent sein.“
Sie lassen sich nicht unterkriegen. Heute schon gar nicht. Heute geht’s über den Äquator. Taufe gibt es nicht mehr. Sie paßt auch nicht mehr in unsere Zeiten. Und dann, die zahllosen fremden Nationen, die auf dem Schiff fahren! Die Gelegenheit zu Reibungen wäre zu groß. Aber seine eigene Feier läßt sich das Zwischendeck nicht nehmen.
Die scharfe Linie, die Meer und Himmel schied, ist verschwunden. Das Auge sieht in eine einzige, fast greifbare Finsternis. Nur die weißen Schaumkronen, die der Bug des Schiffes aufreißt, leuchten in gespenstiger Blässe über den schwarzen Wellen.
Aus dem Zwischendeck tönen Geigen und Mandolinen. Unter dem Sonnensegel brütet noch die Hitze des Tages. Um die kleine, improvisierte Bühne ist eine Reihe Liegestühle aufgestellt: die vornehmen Parkettplätze. Dahinter sieht man in dem ungewissen Licht der wenigen elektrischen Lampen nur eine ununterscheidbare Menge von Köpfen. Ein groteskes Bild.
Ein Wiener Vorstadtsänger macht den Conférencier. Ein U-Bootkommandant hält die Äquatorrede. Dann wechseln Vorträge, Kuplets und Mimik. Und unermüdlich fiedelt die ad hoc zusammengestellte Kapelle. Ohne Proben, ohne Noten spielt sie, was Conférencier und Vortragende verlangen. Ein ungarischer Zigeuner macht den Kapellmeister. Die brennende Zigarre kommt ihm nicht aus dem Munde, während er mit Verve den Bogen führt und mit dem ganzen Körper den Takt angibt. Neben ihm geigen brav und ernst die eben erst aus dem Kadettenkorps ausgetretenen Söhne der adligen Offizierswitwe, die in Deutschland Hab und Gut verkaufte, um in Paraguay für sich und ihre Jungen eine neue Existenz zu suchen. „Was soll ich anders tun,“ meint sie, „seit Jahrhunderten gab es in meiner und meines Mannes Familie nur Offiziere.“
Ein neuer Redner ist auf das Podium getreten. Das Lachen und Scherzen ist verstummt. In lautlose Stille fallen die Worte: „Wir wollen die Heimat im Herzen tragen, immer und immer.“ Dann fiedeln die Geigen: „Muß i denn, muß i denn...“ und „In der Heimat, in der Heimat...“ Eine Saite reißt und gibt wehen Klang.
Auf dem Achterdeck ist Ball der Kajütspassagiere. Vorn im Schatten des Windsegels stellen die fünf französischen Kokotten bei Sekt plastische Gruppen mit ein paar internationalen Schiebergestalten, die zwischen Argentinien und Deutschland hin- und herfahren wie unsere kleinen deutschen Schieber zwischen Köln und Berlin. Die andere Seite des Tanzplatzes säumen die Portugiesen und Spanier, dann kommen die Deutschen, und ganz hinten am Heck sitzen steif und aufrecht, gleich Vögeln auf einer Stange, vier belgische Schwestern; ihnen gegenüber lehnt unbeweglich an der Reling die schlanke Asketengestalt eines portugiesischen Priesters.
Dazwischen wird getanzt: Tango, Onestep, Foxtrott. „Lulu, Lulu!“ tönt es von den Sekttischen, und Lulu tanzt. Das seidendünne, meergrüne Fähnchen reicht knapp bis zum Knie. Weiß leuchten die nackten Arme und florbestrumpften Beine.