Um nichts zu versäumen, fangen die großen Maskenbälle erst um Mitternacht an, um die Stunde, zu der der Korso auf den Straßen endet. Auch auf diesen Bällen ist es nicht viel lustiger als auf der Straße, und ich gehe bald gelangweilt aus dem Teatro Solis, dessen Maskenbälle etwa den Münchener Bal parés im Deutschen Theater oder den Gürzenich-Festen in Köln entsprechen sollen.

Freilich eins kommt hinzu, der Fasching fällt auf der anderen Seite des Ozeans in den Sommer, ausgerechnet in die Hundstage, und auch die schönste Winterlandschaft, die man im Teatro Solis aufgebaut hatte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Thermometer über dreißig Grad zeigte.

Man hängt drüben merkwürdig zäh an Traditionen, wo man solche hat, und so muß auch das ganze Faschingstreiben sich in den glühheißen Straßen des Stadtinnern abspielen, statt draußen an der See, auf den wunderbaren Strandpromenaden, die Montevideo zu einer der reizvollsten südamerikanischen Metropolen machen.

Im Gegensatz zu Buenos Aires, das die Lehmflut des La Plata von der offenen See scheidet, liegt Montevideo am, fast möchte man sagen im, freien Meer. Ein sanft ansteigender Rücken schiebt sich in den Ozean vor, auf dem die Stadt errichtet ist, und von mancher Straßenkreuzung hat man gleichzeitig nach drei Seiten den Blick auf das strahlende Blau, das, — mit dem Himmel sich verschmelzend, wie ein Kuppelhorizont die Stadt einschließt.

Montevideo ist nur die Hauptstadt der kleinsten der südamerikanischen Republiken, allein es ist gleichzeitig Weltbad, und darum die Anstrengung, seinen Fasching, seine Sommerfeste, seine Spielsäle zu Attraktionen für den ganzen Kontinent auszubauen.

Unmittelbar an die innere Stadt, an das eigentliche Geschäftsviertel grenzen denn auch die ersten Badehotels und Strandpromenaden; wunderhübsche große Gärten, weite Strecken feinen gelben Sandes mit Badehütten und mit Hunderten von Männern und Frauen in farbigen Badekostümen wechseln ab mit malerischen Felspartien, auf denen ein Einsamer in zerlumpter Kleidung nach Austern und Seemuscheln scharrt.

Wenn der offizielle Fasching auch noch im Stadtinnern tobt, so ist der inoffizielle doch schon an den Strand vorgedrungen, und in Pocitos, dem eleganten Badestrand, flaniert der Strom jener, die sich von der misera plebs zu trennen wünschen.

Man ist hier demokratisch in Südamerika, trotz aller Oligarchie und trotz aller Grenzen, die übermäßiger Reichtum aufrichtet. Aber da die Form gewahrt werden muß, kosten beispielsweise Strandkorb und Badekabine zu Füßen der Milliardärhotels von Pocitos und Carasco auch nur die gleichen zehn Cent wie auf dem Volksstrand von Ramires, und um sich zu separieren, bleibt den Reichen nichts anderes übrig, als die Badeorte immer weiter hinaus zu verlegen. Wer den weiten Weg nicht scheut, kann dort mit den hochgezüchteten Frauen aller Nationen baden und für die kurze Spanne am Strande als ihren Kreisen sich zugehörig wähnen. Denn um dort auch nur kurze Zeit zu wohnen, reicht mitteleuropäische Valuta nicht aus; das einfachste Zimmer ist nicht unter 20 Goldpeso für den Tag zu haben.

Die hell erleuchteten Fenster der Spiel- und Ballsäle werfen glitzernden Widerschein auf die pechschwarze Flut. Die breite, jetzt leere Autostraße schimmert violett, und der Schein der Bogenlampen sticht wie mit Dolchen in unergründliche Tiefen.