So gering ihr politischer Einfluß, so groß ist ihr wirtschaftlicher. Ihre Arbeitskraft und ihre wirtschaftliche Tüchtigkeit ist dem eingeborenen Element gegenüber so groß, daß sie dieses selbst auf seinem eigensten Gebiet, der Pampa, zurückzudrängen beginnen. Eine ganze Reihe deutscher Bauern hat angefangen, auch in der Pampa Land zu kaufen, um dort rationelle Viehzucht und Milchwirtschaft zu treiben. Ebenso sind die industriellen Betriebe in den Städten wie die Export- und Importhäuser zu einem großen Teil in den Händen von Deutschen.

Für die brasilianische Regierung besteht die große Schwierigkeit, sich dieses wirtschaftlich so außerordentlich wertvolle Element einzugliedern. Daß es auf dem nach der Kriegserklärung an Deutschland eingeschlagenen Weg der gewaltsamen Unterdrückung nicht geht, hat man bald eingesehen. Damals wurden deutsche Schulen, deutsche Zeitungen, deutsche Sprache überhaupt verboten. Allein dieses Verbot war, besonders was die Sprache anbelangt, von vornherein undurchführbar. Und andrerseits war es der Regierung selbst nicht so ernst damit; sie bemühte sich, die Deutschen gegen Ausschreitungen zu schützen. Schließlich hing alles von den lokalen Verhältnissen ab. Und während mancherorts die Deutschen böse Tage mitmachten, hat an anderer Stelle mancher Brasilianer, der sich abfällig über die Deutschen zu äußern gewagt hatte, ungesühnt seine gehörigen Prügel bezogen.

Nach dem Krieg wurden auch offiziell alle Beschränkungen aufgehoben, dagegen wurde die Bestimmung eingeführt, daß in den deutschen Schulen auch portugiesisch unterrichtet werden muß. Ich habe einmal einer Unterrichtsstunde in einer Urwaldschule angewohnt. Es war Rechenstunde, und der Lehrer stellte seine Fragen erst auf deutsch, dann auf portugiesisch. Allein da die Kinder zu Hause nur deutsch hören, und die Lehrer oft genug selbst nur mangelhaft portugiesisch sprechen, kann bei diesem Unterricht nicht viel herauskommen.

Eine wirksame Assimilierung der deutschen, ebenso der fast gleichstarken italienischen Kolonisten würde nur bei Vermischung durch Heiraten untereinander eintreten. Allein gerade in dieser Hinsicht schließen sich die Deutschen streng ab. Wie sie auf ihren Festen und gesellschaftlichen Veranstaltungen keine Brasilianer dulden, heiraten sie auch nur untereinander. Die Ehe mit dem brasilianischen Element ist verpönt; wie die wenigen vorliegenden Erfahrungen zeigen, übrigens mit Recht. Die brasilianische Frau stellt an den Mann Ansprüche, denen der kühler veranlagte Deutsche ohne Gesundheitsschädigung auf die Dauer nicht zu entsprechen vermag.

Trotzdem werden natürlich mit der Zeit, wenn nicht dauernd starker Zuzug kommt, deutsche Sprache und Kultur immer mehr verlorengehen, schon weil sich die starken klimatischen Einflüsse mit der Zeit geltend machen müssen. Wie diese auf die Dauer wirken, ist eine noch umstrittene Frage. Wenn die Deutschbrasilianer auch durchweg einen gesunden kräftigen Eindruck machen, so wird von ärztlicher Seite doch behauptet, daß sich bereits gewisse Entartungserscheinungen zu zeigen beginnen. Was besonders auffällt, sind die schlechten Zähne, denen man allerdings in ganz Südamerika begegnet. Die besser Bemittelten zeigen ähnlich den Nordamerikanern den Mund voll Goldplomben, während die Ärmeren bereits in jungen Jahren nur mehr bräunliche Stummeln haben. In jedem Fall besteht die Gefahr einer gewissen Inzucht; aus diesem Grund sind Reichsdeutsche bei den töchterreichen Kolonisten als Schwiegersöhne sehr beliebt, da sie — wie man dort sagt — „besseres Blut“ haben. —

In São Pedro steigt eine Negerin ein. Sie trägt schreiend bunten Kattun, lange Ohrgehänge, ihr Nacken ist wie aus Holzkohle geschnitten. Die Fülle ihrer Leiblichkeit droht durch die engen Wagenfenster aus dem Kupee zu quellen. Sie setzt sich unmittelbar neben die blonden, schlanken Soldaten. Beide sind gleichberechtigte Staatsbürger ein und desselben Landes.

52. Kolonisten und Kolonien in Rio Grande.

Santo Angelo.

Im Hotel „Stadt Hamburg“ hatten mich und meinen Reisekameraden die Wanzen gemeinsam fast aufgefressen. Das verbindet immer. Nun kamen wir im Zug zufällig wieder zusammen. Wir plauderten daher bereits als alte Bekannte miteinander.