In welcher Richtung wird dieses zähkonservative Bauerntum politischen Einfluß nehmen, wenn es einmal zum Bewußtsein seiner Macht gelangt? — Die Vereinigten Staaten von Brasilien, wie sie offiziell heißen, sind kein organisches Gebilde. Wenig Gemeinsamkeit besteht zwischen dem tropischen, fieberheißen Norden mit seiner Negerbevölkerung und dem gemäßigten Süden, in dem infolge des Fehlens der früheren Sklaven und der starken europäischen, insbesondere auch deutschen Einwanderung eine ganz andere Rasse im Entstehen ist. Immer wieder reiben sich die Rivalitäten aneinander, immer wieder tauchen Gerüchte auf, die von den Loslösungsbestrebungen der Südstaaten erzählen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn in den drei Südstaaten, die kulturell wie wirtschaftlich weitaus am höchsten stehen, das Gefühl entstände: wozu sollen wir mit unserer Arbeit, unsern Steuern die lethargischen Nordstaaten mit finanzieren und die Hauptlast der Bundesfinanzen tragen? Vielleicht liegt hierin mit ein Grund dafür, daß die Regierung in Rio de Janeiro die jetzt von Europa herüberkommenden Einwanderer möglichst nach den Staaten Bahia und Pernambuco zu lenken sucht. —

Kurz vor Santa Maria stieg ein Bauernbursch ein, so blond, so urwüchsig, so deutsch, daß ich ihn anreden mußte. Man hätte meinen können, er sei unmittelbar auf einer Station in der holsteinschen Marsch oder der Lüneburger Heide eingestiegen. Und nicht anders antwortete er, kurz, wortkarg, in keiner Weise Überraschung oder Freude äußernd, hier einen Landsmann zu treffen. Wie anders hatte doch vor wenigen Tagen der deutsche Pächter im nördlichen Uruguay auf ein deutsches Gesicht reagiert.

Aber hier ist deutsch ja das Alltägliche, das Normale. Die Pampa, das Gaucholand ist zu Ende, und die Waldberge haben begonnen. Ihre Bewohner sind Deutsche. Seit drei Generationen in Brasilien ansässig, aber immer noch Deutsche. Oft genug sprechen sie nicht ein einziges Wort portugiesisch, und ich habe öfters in Bahn oder Hotel für Deutschbrasilianer den Dolmetsch machen müssen.

Vor 60, 80 Jahren kamen die Großeltern der heutigen Generation als Siedler in den Urwald. Der reichte damals bis an die Küste. Und dort in der Gegend des heutigen Porto Alegre, Blumenau und Joinville fingen sie an. Meile für Meile haben sie mit der Axt den dichten Wald geschlagen. An seiner Stelle stehen heute große Städte, dicht besiedelte Dorfgemeinschaften, intensiv bebautes Feld. Die Kinder und Enkel wurden reich. Das einst wertlose Land wertet heute nach Zehntausenden von Milreis.

Die zuerst durch die Einsamkeit des Urwalds und den Mangel an Verkehrsmitteln bedingte Isolierung der fremden Siedler blieb bestehen, auch als von Urwaldeinsamkeit längst keine Rede mehr war und ein dichtes Bahn- und Straßennetz die einstige Wildnis durchzog. Die Brasilianer taten nichts, die Kolonisten zu assimilieren. Sie schließen auch die Kinder und Enkel der Einwanderer nach Möglichkeit von Politik und Anteilnahme an der Regierung aus, stören sie aber nicht in ihrem eigenen kulturellen Leben. So entstanden völkische Fremdkörper, Sprachinseln, nicht anders als die von Maria Theresia im ungarischen Banat angelegten deutschen Kolonien. Die deutschen Kolonisten bauten und unterhielten, nachdem sie die Anfangsschwierigkeiten überwunden hatten, ihre eigenen Schulen und Kirchen, sehr prunkvoll mitunter, stellten Lehrer und Pfarrer an und schlossen sich in sozialer Hinsicht ganz von den angestammten Bevölkerungselementen ab. Auf ihren Dörfern duldeten und dulden sie keine „Fremden“, wie sie die Brasilianer nennen, nicht einmal als Wirt oder Kaufmann, und wo sie stark genug und genügend viele das volle politische Bürgerrecht erlangt haben, dringen sie auch auf deutschstämmige lokale Behörden. Aber damit erschöpft sich, auch in den ältesten Kolonien, das politische Interesse. Dorfkirchturmspolitik.

So beruht denn auch alles Gerede und Geschreibe von einer großdeutschen Politik in Südbrasilien auf einer völligen Verkennung der wirklichen Verhältnisse. Ich glaube, die Deutschbrasilianer dachten in ihrer Masse nicht im entferntesten an eine politische Verbindung mit dem alten Mutterboden, und von einer eventuellen Annektion von Südbrasilien durch das Deutsche Reich wären sie, ganz abgesehen von der Unmöglichkeit einer derartigen Angliederung, am allerwenigsten entzückt gewesen. So hat alles, was darüber geschrieben und gesprochen wurde, nur dazu gedient, böses Blut zu machen, die Feinde des Deutschen Reiches zu mehren, und es hat letzten Endes nicht wenig dazu mitgewirkt, daß Brasilien so rasch und willig in die Reihe unserer Gegner im Weltkrieg eingetreten ist.

Die Deutschbrasilianer sind Zwitterwesen. Sie sind keine Brasilianer im Sinne wie etwa die Deutschchilenen Chilenen sind, deren flammendes chilenisches Nationalgefühl mit dem der reinblütigen, alteingesessenen Nachkommen der spanischen Conquistadoren und araukanischen Indianer wetteifert. Aber sie sind noch viel weniger Deutsche. Sie hängen an der alten Heimat aus Tradition und aus einer sentimentalen Liebe heraus. Die wenigsten von ihnen würden dort überhaupt leben mögen oder können. Bei der großen Unbildung der Urwalddeutschen machen sich diese von den Verhältnissen in Deutschland, besonders nach der großen Wandlung des Krieges, kein auch nur entfernt richtiges Bild. Wie schlecht sie teilweise über die Lage in Europa unterrichtet sind, erfuhr ich erschreckend und doch wieder rührend durch die erstaunlich naive Frage eines Urwaldkolonisten, der mir folgendes sagte:

„Sagen Sie, Sie kommen doch jetzt aus Deutschland? Ist es wirklich wahr, was die Zeitungen hier immer wieder schreiben, daß Deutschland im Krieg verspielt hat?“

So konnte denn auch ein Aufstand der Deutschbrasilianer während des Weltkrieges zugunsten Deutschlands ernsthaft nicht in Frage kommen. Und wenn auch eine Weile die Möglichkeit bestand, daß die deutschen Bauern aus São Leopoldo bewaffnet nach Porto Alegre, der Hauptstadt des Staates Rio Grande do Sul, marschierten, so doch nicht im Interesse Deutschlands, sondern nur um die deutschen Landsleute dort vor den Ausschreitungen des Mobs zu schützen.

Die deutschen Kolonisten in diesem südlichsten Staat Brasiliens sind keine Brasilianer, aber sie sind Rio Grandenser oder vielmehr San Leopoldiner, oder Novo Hamburger, oder wie ihre Kolonie-Gemeinde heißen mag. Zäh wurzeln sie auf der Scholle, die sie dem Urwald abgerungen haben.