Die zerfetzten Töne des letzten Operettenschlagers aus Rio wehten vom Café her über die Plaza.

51. Deutschbrasilianer.

Santa Maria.

Gaucholand — die südliche Hälfte von Rio Grande do Sul, des südlichsten Staates der brasilianischen Union, ist damit gemeint. Die Brasilianer selbst nennen sie so, halb verächtlich, halb anerkennend. In jedem Fall heißt es etwas Fremdes. Gaucho, Pampa, das ist argentinisch, nicht brasilianisch. Und argentinisch ist fremd, fast feindlich.

Auch in Brasilien gibt es unendliche Flächen, unzählbare Herden, aber das ist im Innern, in Matto Grosso, in Gegenden, die dem Brasilianer in Rio oder São Paulo fremder sind als Europa. Brasilien heißt Urwald, Plantage, Reis und Baumwollfeld, Kaffeepflanzung.

In Kurven schmiegt sich die Bahnlinie den Hängen an. Es ist ein Paktieren mit der Landschaft. In Argentinien ist der schnurgerade Schienenstrang darüber gelegt wie ein Befehl. In Brasilien fehlt die grandiose Eintönigkeit der Pampa. Diese kahlen, grasbewachsenen Hügel sind eigentlich nur langweilig.

Gaucholand, Uruguay und Zentralargentinien, das ist geographisch eine Einheit. Ihre Vereinigung der gegebene Zielpunkt imperialistischer Politik am La Plata, zumal Gaucholand sich auch ethnographisch assimilieren ließe, denn hier fehlt das Negerblut, das der Bevölkerung der nördlichen brasilianischen Staaten seinen Stempel aufdrückt. Und selbst die Sprache zeigt Ähnlichkeit. Das Portugiesisch, das man hier spricht, ist dem Spanischen viel verwandter als das in Bahia oder Pernambuco gesprochene. In jedem Fall — sollte je die argentinisch-brasilianische Rivalität um die südamerikanische Vorherrschaft in einem Krieg zum Ausbruch kommen, hier werden die ersten Entscheidungen fallen.

Argentinien hat Tanks in England bestellt. Nein, schnellfahrende Panzerautos wären das Richtige auf diesem Gelände, dessen feste Grasnarbe überall gute Fahrbahn bietet. — Auf der Bank mir gegenüber sitzen Soldaten. Groß, blond, die deutsche Abstammung ist unverkennbar. Es sind Söhne deutscher Kolonisten aus dem Urwald.

Das kompliziert das Problem. Die dem Zentral- und Nordbrasilianer eigentlich wesensfremden Estancieros und Gauchos, die Viehzüchter und Viehhirten, bilden hier das nationale Element. Die Urwaldbevölkerung, die Kolonisten, die als eingesessene Bauern das wirtschaftliche Rückgrat von Rio Grande wie von Paraná und Santa Catharina bedeuten, sind fremdstämmig, sind deutschen, italienischen, polnischen, skandinavischen Ursprungs.