„Überhaupt, es gibt nur Karten bis zur Landesgrenze“, erklärte der Stationsvorstand. —
Brasilien ist Bundesstaat; man merkt erst, wenn man im Innern reist, wie sehr sich die einzelnen Staaten voneinander abschließen und wie stark die Rivalitäten zwischen ihnen sind.
Das Hotel war eine Bretterbude. Es gab ein besseres, aber ich wollte landesüblich reisen. Ich mochte wohl als der vornehmste Gast gelten; so erhielt ich das letzte Fremdenzimmer in der Reihe. Um dorthin zu gelangen, mußte man durch alle andern hindurch. In dem ersten lagen ein paar Gauchos gestiefelt und gespornt auf den Betten, im zweiten saß eine Familie mit kleinen Kindern zu Tisch, im dritten stand ein junges Weib mit aufgelösten Haaren mitten im Raum. Das Haar war ein wenig fett, aber lockig und von einem ins Blaue spielenden Schwarz. Es fiel in Ringeln um ein ebenmäßiges, olivbraunes Gesicht. Wie zwei lebendige, verwunderte Fragen standen dunkle Augen darin. Daneben lag hinter einer löcherigen Tapetenwand mein Zimmer. Ich stieß die Fensterläden auf, um die schwüle stickige Luft hinauszulassen. —
Nach dem Abendessen bummelte ich noch ein wenig durch die nachtdunkle Stadt; vor allem wollte ich eine Gelegenheit für ein alltägliches, unvermeidliches Bedürfnis suchen; in solch kleinen Orten haben nur die vornehmsten Häuser ein eigenes Lokal dafür. Eine stockdunkle Straße war gerade geeignet. Zur Seite schien, ein wenig tiefer, eine buschbestandene Wiese zu liegen. Ich wollte schon hinabspringen, als ich plötzlich anhielt und erst mit dem Stock sondierte. Er fand keinen Grund. Ich warf einen Stein und hörte erst nach einer Weile ein klatschendes Aufschlagen. Es war ein Sumpf. Die Straße fiel in steilem Sturz jäh dahin ab. Ich überlegte, wie ich wohl wieder herausgekommen wäre. —
Später traf ich den Spanier, den ich auf der Station kennengelernt. Wir bummelten über die Plaza. Aus dem Café drang Musik. Das Kino warf einen frechen Lichtkegel auf die Straße. Einen Augenblick glaubte ich das olivbraune Profil meiner Nachbarin zu sehen. Dann spazierten wir wieder unter den dunklen Bäumen.
„Ach, Sie sind Deutscher!“ rief er aus, „ich hielt Sie für einen Engländer.“ — Mit einemmal war er wie ausgewechselt. „Muy amigos los alemanes!“ Er schloß mich in die Arme.
„Die Deutschen sind unsere Freunde! Wen sollten wir sonst haben? Die Engländer? Die Franzosen? Die alle wollen nur etwas von uns, aber die Deutschen — Und schließlich werden die Deutschen doch noch siegen.“
Um uns flanierte eine müßige Menge.
„Sehen Sie nur die Leute hier; hier und überall. Aber die Deutschen arbeiten. Ein Volk, das arbeitet, kann nicht zugrunde gehen, nie!“