„Der genügt doch?“

„Selbstverständlich.“ Er sah gar nicht hinein. „Morgen können Sie das Visum holen.“

Mir liegt wenig daran, recht zu behalten. So schenkte ich mir einen zweiten Gang aufs Konsulat, um dem Beamten den trotzdem vidierten Paß zu zeigen. Vielleicht tue ich dem Mann auch unrecht, vielleicht haben die deutschen Konsulate Weisung, nach Möglichkeit Paß- und Visumgebühren einzunehmen. Schön, aber manchmal fällt es einem schwer, den Ausdruck „Wurzerei“ zurückzuhalten, besonders wenn sich dies Verfahren gegen frisch Herübergekommene wendet, die sich nicht zu helfen wissen und für die zehn oder zwanzig Peso ein Vermögen bedeuten. So traf ich später in Brasilien einen jungen Deutschen, der nach Argentinien ausgewandert war. Er fand keine rechte Arbeit und wollte nach Brasilien. Aber das deutsche Konsulat gab ihm kein Visum, da der Paß nicht auch für Brasilien ausgestellt war. Er mußte sich einen neuen Paß ausstellen lassen. Das kostete ihm seinen letzten Notpfennig.

Inzwischen war der Neger bei meinem Wagen angelangt und begann die Koffer abzuladen. Drinnen saß ein zweiter, nicht viel hellerer Brasilianer hinter einem Tisch. Er sah mich und dann meine Koffer an und nickte. Die Neger begannen das Gepäck wieder hinauszuschleppen. Ich wollte meinen Paß ziehen, aber er winkte nur zur Tür. Die Störung seiner Siesta hatte ihm augenscheinlich bereits lange genug gedauert.

Als das Pferd wieder anzog, war ich eigentlich etwas enttäuscht. Also auch das brasilianische Visum wäre überflüssig gewesen und das neue Impfzeugnis dazu, das ich mir in Buenos Aires besorgt hatte, nachdem ich mich zuletzt noch in dem chilenischen Hafen Arica hatte impfen lassen müssen.

Eigentlich ist es lächerlich. Kommt man zur See in Rio oder Santos an, so braucht man alle möglichen Führungszeugnisse und Atteste, auf dem Landwege aber wird nicht einmal nach einem Paß gefragt. Dabei ist Montevideo eine offene Einfallspforte, denn die Republik Uruguay kennt noch keinerlei Paßzwang.

„Wir sind sehr freiheitlich und sehr demokratisch“, hatte mir der uruguayische Konsul in Buenos Aires stolz gesagt.

Nach Passieren Dutzender von Grenzen bin ich über den Nutzen von Paßkontrollen ein wenig skeptisch geworden. Ich glaube nicht, daß durch sie unerwünschte Elemente tatsächlich wirksam ferngehalten werden; es kommt nur auf eine Belästigung der Harmlosen heraus. Aber die Einnahmequelle für den Staat dürfte nicht unerheblich sein, und so wird es einstweilen bei der Notwendigkeit von Pässen bleiben.

Der Weg zum Bahnhof, am andern Ende der Stadt, dehnte sich. Die niederen Häuser standen in übermäßig breiten Straßen so weit auseinander, daß es nicht den mindesten Schatten gab. Dazu ging es hügelauf, hügelab. Aber wenn man aus dem völlig flachen Argentinien kommt, ist schon das Sensation, und auf den Hügeln, die die Stadt säumen, stand sogar ein wenig Wald.

Aber die weite Fahrt war vergeblich. Der Zug ging erst am andern Morgen. Nicht einmal mein Gepäck konnte ich nach São Paulo aufgeben. Ich hatte es vorausschicken wollen, um, von ihm nicht beschwert, nur mit ein wenig Handgepäck zu reisen. Im Staate Santa Catharina hatte es eine Überschwemmung gegeben. Der Regen hatte den Bahnkörper weggerissen. Wann er wieder hergestellt sein würde? Ein Achselzucken. Man kann mit Booten passieren, meinte ein dritter.