Von hier aus wird von Pionierbataillonen die Bahn gegen das angrenzende argentinische Misiones vorgetrieben. Die bisher fertiggestellte Strecke bis Santo Angelo wird noch von Militär betrieben. Aus diesem Grund müssen wir jetzt nochmals umsteigen, trotzdem der Zug auf dem gleichen Geleise weiterfährt.
In den Wagen sind jetzt lediglich Deutschbrasilianer, alles Landsucher, Landkäufer, Neusiedler.
In Neuland fahren wir ein, als der Zug endlich mit sinkendem Tag sich wieder in Bewegung setzt. Links und rechts der Bahn kaum gerodeter Urwald, dazwischen gestreut schmale Parzellen von Mais und Tabak.
Von hier bis an den Grenzfluß Rio Uruguay ist noch jungfräuliches Land, die letzten Ländereien, über die Rio Grande do Sul verfügt. Kurz vor dem Krieg wurden hier noch deutsche Einwanderer angesiedelt, mit allen Vorteilen, welche die „Immigração“ gewährt. Heute hat man die Einwanderung gesperrt, d. h. nicht offiziell, nicht formell. Wer einwandern will, erhält Land zu den gleichen Bedingungen wie die Eingeborenen auch, nur Vorteile und Vergünstigungen werden nicht mehr gewährt.
Rio Grande will das noch verfügbare Land für seine eigenen Landeskinder vorbehalten. In erster Linie sind dies die deutsch-brasilianischen und italienisch-brasilianischen Kolonisten; diese brauchen viel Land. Der väterliche Hof wird ja nicht unter die Kinder geteilt oder einer erbt ihn und die andern ziehen in die Stadt, sondern jeder Sohn erhält zur Hochzeit einen Besitz mindestens in der Größe des väterlichen. Zu diesem Zweck kaufen die Bauern frühzeitig in den frisch vermessenen Urwaldgebieten Lose für ihre Kinder, auf denen diese nicht anders anfangen, als es ihre Eltern getan, es sei denn der väterliche Wohlstand bereits so groß, daß den Nachkommen unter Kultur stehende Kolonien aus zweiter Hand gekauft werden können.
Im ganzen Wagen — es ist ein großer, durchgehender amerikanischer Wagen — hört man nur von Landpreisen und von Bodenbeschaffenheit sprechen, von Gegenden, wo noch Land zu haben und von den Bedingungen, zu denen es abgegeben wird. Dazwischen reden die Frauen untereinander leise von der Wirtschaft, von Schweinen und Mais. Man hört unverfälschte schwäbische, hessische und norddeutsche Mundart. Aus Bündeln wird gute alte deutsche Wurst geholt und Kuchen, wie ihn die Bauernfrauen in Deutschland auch backen. Es ist ein eigentümlicher Eindruck, deutsche Bauernschaft um sich zu haben, die in immer dichter werdenden Urwald hineinfährt.
Bald wird es allerdings so dunkel, daß der Mais wie die Wellen eines geheimnisvollen Wassers den Bahndamm umspült und die alten lianenumrankten Bäume sich wie Gespenster über ihn neigen. Schließlich hockt alles auf harten Bänken und schläft, bis der jähe Ruck in Santo Angelo uns weckt.
Unergründliche Nacht und unergründlicher Schmutz. Wir fragen nach der Witwe Schirach, die man uns als Quartiermutter empfohlen. In der Ferne schimmern ein paar ungewisse Lichter. Sie weist man uns. Wir schultern den Rucksack und treten den Marsch an, der eine Expedition durch Sumpf und Schlamm ist.