Guarany.

Wir ritten die Linie entlang. Linien heißen die breiten Straßen, die schnurgerade durch den Urwald führen und von denen die Nebenwege abzweigen, an denen die Kolonien liegen.

Die Linien sind die Hauptverkehrsadern der Kolonien. Alle Augenblicke begegnet uns denn auch ein Wagen, ein Reiter oder ein Viehtrieb. Erst nach ein paar Stunden Reiten wird es einsamer.

An den Linien liegen die Venden, ferner die Schulen, dann Brauerei- und Limonadefabriken, Schneide- und Mahlmühlen und was man sonst noch hier an kleingewerblichen Betrieben braucht, sowie die bevorzugten Kolonielose: manche Musterwirtschaft, aber auch mancher heruntergekommene Betrieb, in denen ein paar Polen oder ein Weißer mit einer Farbigen in einer Hütte hausen, die nicht mehr als gerade das zum Leben Nötige anbauen.

Beiderseits der Linie Mais. Dann Tabak, der mit Maniok wechselt, und wieder Mais. Mais ist die Hauptfrucht, die wichtigste Nahrung für Mensch und Vieh. Aus ihm bäckt der Kolonist sein Brot. Erst der Wohlhabende nimmt Weizen dazu. Weizen ist hier Luxus. Für seinen Anbau ist es bereits zu heiß. Er muß von der Serra, dem kalten Hochland, hergeschafft oder aus Argentinien importiert werden.

Um die Häuser steht Obst, vor allem Pfirsich, der ähnlich wie in Argentinien auf diesem Boden gleich Unkraut wuchert und bereits im ersten oder zweiten Jahr Frucht trägt, Yerba — Bäume, deren Blätter den Mate-Tee liefern, und wo Italiener siedeln, eine Weinlaube oder Weinberg.

Die Häuser selbst sind fast sämtlich aus Holz, von hübschen soliden Bauten bis zu einfachsten Bretterbuden. Daneben ein Schuppen für die geerntete Frucht und ein Pferch für das Vieh.

Je länger wir reiten, desto häufiger unterbrechen Waldpartien die Felder, und schließlich geht’s eine ganze Strecke lang durch ungerodeten Urwald. Lianenverfilzt schließen die alten Bäume gleich Mauern beiderseits die Straße ein. Es sind noch nicht kultivierte Kolonielose, deren Besitzer auf die Konjunktur warten, um sie mit hohem Nutzen weiterzuverkaufen. Wo eine neue Staatskolonie vermessen wird, macht sich alsbald die Spekulation breit. Wenn auch dem Gesetz nach jeder Bodenwucher vermieden und Land nur an jene abgegeben werden soll, die es tatsächlich bebauen, so ist doch unvermeidlich, daß der und jener, von den Koloniechefs und Vermessungsingenieuren angefangen, durch Mittelsmänner eine größere Anzahl von Losen in seine Hand bringt, die er erst zum Verkauf stellt, wenn alles Land in der Gegend vergeben und durch die Arbeit der Kolonisten auf den Nachbargrundstücken ein erheblicher Wertzuwachs eingetreten ist.

Eine Pforte in der Mauer steht offen. Ein schmaler Weg führt in den Wald. Ein schmales Spitzgewölbe aus Zweigen und Blättern. Grünliches Dämmern. Treibhausluft. Hintereinander gehen die Pferde.