Wo sich der Weg senkt, öffnet sich eine Lichtung. An den Hängen liegen noch geschlagene Stämme. Verkohlte Stumpen, zwischen denen sich handhoch Asche breitet, zeigen, daß hier frische „Roce“ gemacht wurde. Unten im Grunde steht zwischen hochtreibendem Mais an einem kleinen Wässerlein eine einfache Bretterhütte: der Anfang einer Kolonie. Es ist vollendete Urwaldeinsamkeit, aber lange nicht gleich der, in der Väter und Großväter der heutigen Deutschbrasilianer anfingen. Ein kurzer Ritt bringt bis an die Linie, nur ein paar Stunden sind bis zur nächsten Venda und nicht mehr als zwei Tagereisen bis an die Bahn. Man kann leicht und billig alles kaufen und heranschaffen, was nötig: Gerät und Lebensmittel, Nägel und Bretter. Und Freunde und Nachbarn sind nicht weit, die einem im Notfall helfen können.

Trotzdem bleibt genug an Einsamkeit und Härte des Lebens. Die Frau kommt uns aus der Küche entgegen. Die Küche ist ein offenes Feuer zwischen zwei Feldsteinen. Darüber hängt ein Kessel. Das ist alles.

Sie nötigt uns ins Haus. Es ist einfach aus Brettern zusammengeschlagen, vielleicht fünf Meter im Geviert. Eine Bettstatt und ein Tisch mit einigen Hockern, selbstgezimmert, bilden das ganze Mobiliar.

Das Haus stellt ein Minimum an Wohnung dar, und trotzdem ist es ein Palast gegen die Anfangszeit, als man in einer Laubhütte hauste und bei jedem Regen im Wasser lag.

Der Anfang, das war das Schlimmste; damals, als erst ein Pfad durch den Wald geschlagen werden mußte, um auf den eigenen Grund zu kommen, und dann das Roden begann. Bis Breschen für Luft und Licht hineingeschlagen sind, steckt der Urwald voll Moskitos und Schlangen, von anderem Ungeziefer nicht zu reden. Dann heißt es mit dem Fäustel das Unterholz buschen, darnach werden die großen Bäume geschlagen. Nach ein paar Wochen, wenn alles gut trocken, wird angezündet.

In den durch die Asche gedüngten Urwaldboden, der frischen Roce, wird der erste Mais gesät. Zwischen den Stumpen und halbverkohlten Stämmen werden reihenweise mit dem Stock Löcher gestoßen. Ein paar Maiskörner in ein jedes hinein, und nach ein paar Wochen steht der Mais bereits mannshoch. Hat man im September Roce gemacht, im Oktober gepflanzt, so kann man im März die erste Ernte einbringen.

Der Kolonist kommt aus der Roce herunter und begrüßt uns. Er erzählt, daß er von der ersten Ernte immerhin bereits 35 Sack verkaufte. Für den Sack 5 bis 6 Milreis. Aber das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, daß man jetzt nicht mehr von gekauften Nahrungsmitteln leben muß, daß man seinen eigenen Bedarf selbst baut und daß man jetzt daran gehen kann, sich Vieh zu halten.

Bisher hatte man nur ein Pferd oder Maultier, das im Wald weidete. Jetzt kann man sich Schweine kaufen und damit vor allem die eintönige Nahrung aufbessern, die bisher nur aus Mais und schwarzen Bohnen bestand.

Dicht neben dem Haus ist ein Pferch, in dem bereits ein paar Dutzend schwarzstruppiger Borstentiere grunzen. Schweinehaltung ist die große landwirtschaftliche Industrie in ganz Rio Grande. Jeder Kolonist, der nur ein wenig Glück mit ihnen hat, wird seinen Mais nicht verkaufen, sondern damit Schweine großziehen. Das Wichtigste an ihnen ist das Fett, das ausgelassen und in Blechbüchsen in die Hafenstädte verkauft wird. Was übrigbleibt, ißt man selbst oder verkauft es an die Nachbarn; denn hat man’s erst, so lebt man auch üppig.

Aber das dauert noch ein paar Jahre, und bis dahin heißt’s harte, schwielentreibende Arbeit. Auf dem Fußboden spielen die Kinder. Es sind im zweiten Ehejahr bereits ihrer zwei. Pro Jahr ein Kind. Auch Wald und Urwaldboden strotzen ja von Fruchtbarkeit.