Und wie See und Himmel wandelte sich die Stimmung der Passagiere. Statt satter Behaglichkeit, statt wohligem Nichtstun und siegessicherem Optimismus breitet sich eine fiebernde Nervosität aus, die mehr und mehr das ganze Schiff erfüllt. Riefen in Santos übermütige Zwischendecker den am Kai wartenden Landsleuten zu: „Wie lange dauert’s, bis man hier Millionär wird?“, so mehren sich jetzt die sorgenden, ernsten Gesichter.

In der Kajüte nicht minder. Nur wenige kehren ja in sichere, wohlbekannte Verhältnisse zurück. Auch die drüben Stellung und Besitz haben, fragen sich: wie werden wir unser Geschäft vorfinden. — Wer kennt denn dieses Land, in dem Hunderttausende in der Heimat das Land der Verheißung sehen? Der Krieg soll es von Grund auf gewandelt, die Preise phantastisch in die Höhe geschnellt haben.

Immer häufiger bilden sich Gruppen, die sich über Preise unterhalten. Der englische Reiseführer von 1914 nennt zwei Pfund für den Tag als unterste Grenze. Der Bankbeamte erzählt, daß er vor dem Krieg mit 200 Peso, etwa 800 Mark, im Monat für Wohnung und Essen auskam. Aber jetzt? Wie wird es werden? Wie weit wird die mitgenommene Barschaft reichen? Und wie viele sind auf dem Schiff, die drüben alles verkauften! Nun sind’s fünfzig- oder hunderttausend Mark, die für Land- und Viehkauf reichen sollen. Oft aber noch viel, viel weniger. Und dabei fällt und fällt die Mark.

Aber dafür hat man ja Waren mitgenommen. Die lange Reise und manche Bowle in den Mondnächten hat die Zungen gelöst. Pläne wurden geschmiedet, Verbindungen geknüpft. Soll man schmuggeln oder nicht? In den Kabinen beginnt ein großes Packen. Geheimnisvolle Zinkkisten tauchen auf. Bijouterien und Goldwaren werden in Wäsche und Stiefeln versteckt, Brillanten in Kleidungsstücke eingenäht.

Wo ist die Zeit, da Lulu tanzte und man Nächte auf Deck verträumte? Lulu ist übrigens nicht mehr an Bord. In Rio flog sie in großer Ekstase ihrem sie sehnsüchtig erwartenden Amigo in die Arme. Aber die Frau im blauen Umschlagtuch, deren Tochter man vor Pernambuco ins Meer senkte, ist noch da und liegt auf ihrem Stuhl und starrt ins Meer. Ein Stockwerk höher, in der ersten Klasse, werden die Augen der alten Dame, die zu ihrem einzigen Sohne fährt, den sie zwölf Jahre lang nicht sah, immer fiebriger. Und in der zweiten Klasse geht der aus portugiesischer Kriegsgefangenschaft heimkehrende Ingenieur immer unruhiger auf Deck auf und ab. Ein Jahr war er in Portugiesisch-Ostafrika, und gerade wollte er seine Familie nachkommen lassen, als der Krieg ausbrach, der ihn in Gefangenschaft auf die Azoren führte. Die ganze Zeit war er ohne Nachricht von seiner Frau. Er kann es nicht mehr sehen, das Meer, auf das er all die Jahre hindurch von seiner Insel aus sehnsüchtig starrte. Und die hilflose Achtzigjährige, die zu ihren Kindern nach Argentinien zurückkehrt, von denen der Krieg sie trennte! Und das Geschwisterpaar, das 1913 auf ein Jahr nach Deutschland in Pension geschickt worden war und das jetzt im Zwischendeck zurückkehren muß. Und all die Frauen, die der Krieg von ihren Männern trennte. Welche Tragödien auch hier!

Das erste Land, das sich nach Brasiliens Palmenbergen am Horizont zeigt, ist flach, öde, wüstengelb. Oasenhaft heben sich von Zeit zu Zeit Baumgruppen über die Sanddünen.

Auf einmal eilt das Schiff. Um neun Uhr abends sollten wir in Montevideo sein, am nächsten Mittag in Buenos Aires. Pünktlich laufen wir die Hauptstadt Uruguays an. Wie auf Schnüren gezogene leuchtende Perlen sind die Lichterreihen der linealgeraden Straßen über den Nachthimmel gespannt. Die Blinkfeuer der Hafeneinfahrt zwinkern rot und grün. Der viele Stock hohe Lokaldampfer nach Buenos Aires liegt am Kai wie ein festlich flimmerndes Haus. Das Knattern der unzähligen eleganten Automobile hört sich an wie Gewehrfeuer.

Argentinische Zeitungen kommen an Bord. Alles stürzt sich darüber her und studiert die Preise. Gott sei Dank, was man hörte, war maßlos übertrieben. Aber anderes ist teuer genug. Der Flieger geht strahlend auf und ab.

„An meinen Bijouterien verdiene ich glatt 10000 Peso.“

„Und der Zoll?“