Noch bei Morgengrauen fuhren wir bei Marcelino Ramos über den Fluß, der hier flußauf Rio Pelotas, flußab Rio Uruguay heißt. Dann ging’s quer durch Santa Catharina, fast einen Tag lang im Tal des Rio do Peixe entlang.

Die Bahn war erst seit kurzem wieder hergestellt, nachdem der Fluß den Damm unterspült und einen Personenzug von den Schienen heruntergeholt hatte. Reißend sah er noch immer aus, aber es war eine herrliche Fahrt an den tobenden, in Fällen und Stromschnellen sich überstürzenden Wassern entlang, die fast schmerzhaft blinkten und glänzten, sobald die Sonne auf ihnen lag.

Beiderseits des Flusses Wald. Wald in unendlicher Ausdehnung. Größtenteils brasilianische Koniferen. Mit ihren hohen, geraden Stämmen, die nur an der Spitze einen Kranz horizontal abstehender, spärlich mit Nadeln besetzter Äste tragen, sehen sie aus wie riesige Regenschirme, in deren Bezug ein Sturmwind bös gewütet hat.

An allen Bahnstationen Schneidemühlen und mächtige Stapel von Blockholz und Brettern. Aber so dicht stand der Wald noch, daß man sich fragte, woher denn all dies Holz eigentlich stamme.

An dieses Tal grenzen die Ländereien der wichtigsten brasilianischen Kolonisationsgesellschaft, der Kompanie Hacker. Und alsbald liegen in allen Waggons die Prospekte und Pläne dieser Kompanie, die zum Kauf ihrer Ländereien einladen.

Überall in Südbrasilien, in Hotels, auf den Bahnen trifft man die Propaganda dieser Landgesellschaften, und man begegnet so vielen ihrer Agenten, daß man sich fragt: „Woher nehmen diese Gesellschaften all das Geld nur allein für ihre Propaganda; wie teuer muß der Kolonist schließlich das Land bezahlen, oder wie billig muß der Kompanie seinerzeit die Konzession zu stehen gekommen sein!“

Die Frage der Einwanderung ist nicht zu trennen von der der Landgesellschaften, insbesondere da bei weiterem Anschwellen des Einwandererstromes die Kolonisation der brasilianischen Staaten keineswegs reicht, alle Landsuchenden mit geeigneten Ländereien zu versorgen. Dazu kommt ein anderes. Die am günstigsten gelegenen Ländereien an den Bahnen und Strömen sind zu einem großen Teil in den Händen von Kolonisationsgesellschaften, die sich häufig diese Komplexe sicherten, als sie durch einen mit ihnen liierten einheimischen Politiker von bevorstehenden Bahnkonzessionen erfuhren.

Es ist der Fall möglich, daß der kapitalkräftige Siedler vorteilhafter ein teueres Los bei einer Landgesellschaft erwirbt, als Land vom Staate zu geringerem Preis. Der Anteil der Transportkosten ist sehr groß. Der Sack Mais in Kolonien an der Bahn, mit kurzen Frachten zu den Hauptabsatzgebieten, ist beispielsweise etwa 11 Milreis wert, bei schlechteren Verkehrsverhältnissen kann er bis zu 7 Milreis und weniger heruntergehen, während in tagereisenweit von der Bahn abgelegenen Urwaldkolonien mit obendrein schlechten Wegverhältnissen der Händler dem Kolonisten nicht mehr als 2 Milreis für den Sack bietet.

Man braucht nicht lange in Brasilien zu reisen, um von den verschiedensten Seiten die widersprechendsten Urteile über ein und dieselbe Gesellschaft zu hören. Nach dem einen sind ihre Leiter sämtlich die gemeinsten Betrüger und Blutsauger, nach dem andern sind sie die reinen Wohltätigkeitsanstalten, und die Einwanderer können gar nichts besseres tun, als sich ihnen sofort und blindlings anzuvertrauen. Man wird ja sehr rasch lernen, ungerechte Erbitterung und Verärgerung auf der einen wie Interessenverknüpfung auf der andern Seite zu erkennen. Allein trotzdem ist nichts schwerer, als sich über die Qualitäten der einzelnen Gesellschaften ein zutreffendes Bild zu machen.