Als wir nach Tisch bei Wein und Zigaretten in Schaukelstühlen auf der Veranda lagen, mußte ich unwillkürlich daran denken, wie sich wohl das Leben dieses Mannes gestaltet hätte, wäre er als ungelernter Arbeiter in der Heimat geblieben. Er hätte es wohl nicht über den besitzlosen Proletarier gebracht.
Trotzdem er jetzt einen wohlhabenden Bauer vorstellt, war er noch immer Sozialist. Er konnte sich nicht genug von den Vorgängen in Europa seit dem Kriege erzählen lassen. Eine starke Unruhe war in ihm. „Ich hätte wohl drüben sein mögen!“
„Ach Gott!“ fiel die Frau ein, „denken Sie nur, er will alles verkaufen, und wieder woanders neu anfangen, jetzt, wo wir uns endlich etwas leichter tun können!“
„Ja, es freut mich nicht mehr“; er schaute gelangweilt über seine herrlich stehenden Felder. „Wenn ich jemand finde, der sie mir gut abkauft, gebe ich meine Kolonie gleich her. Vielleicht gehe ich auch wieder nach Europa zurück.“
Ich mußte an die Tausende denken, die über den Ozean ziehen, die hier im Urwald unter schwersten Entbehrungen neu anfangen und denen ein Besitz wie der Schirachsche wie ein fast unerreichbares Ideal in der Ferne vorschwebt.
„Na, vielleicht überlegen Sie es sich noch,“ sagte ich ihm zum Abschied, „das Land hier scheint mir dem Tüchtigen doch noch immer die besseren Chancen zu geben.“
Ehe ich heimritt, machte ich noch seinem Nachbar einen kurzen Besuch. Er hatte gleichzeitig mit Schirach angefangen, aber es noch immer zu nichts gebracht, trotzdem er zwei große Söhne hat. Er schimpfte auf das Land und erzählte dann von seiner Zeit als Potsdamer Garde du Corps. Es war ganz augenscheinlich, daß er auf seine ehemaligen Unteroffizierstressen auf dem weißen Kragen auch heute noch immer stolzer war als auf seinen Hof und Feld und auf all seine Freiheit und Selbständigkeit als brasilianischer Bauer.
55. Brasilianische Landgesellschaften.
Porto da União.