„Wenn Sie sehen wollen, was wir in ein paar Jahren aus einem Stück Urwald machen können, müssen Sie unbedingt einmal zu Schirach hinaus“, sagte der Tischler.

So ritten wir eines Morgens los. Gegen Mittag waren wir auf der Schirachschen Kolonie. Sie lag in einem schmalen Tal, das von der Linie abzweigte. Unten bildete ein Bach die Grenze, dann ging es 250 Meter lang am sanften Hang hoch. Das Ganze war ein Kilometer lang, es war nur eine kleine Kolonie.

Aber jeder Fleck war ausgenützt. Zuerst kamen 400 Meter Pferch, in dem 23 Stück Rindvieh und 3 Pferde weideten. Zwischen den Grasenden standen noch die langsam verwitternden Stumpen der gefällten Urwaldbäume, und die verhältnismäßig kleine Weide genügt für den Sommer vollkommen; im Winter kommt noch ein Zuschuß von Salzcaña hinzu, die als Viehfutter regelmäßig angebaut wird.

Neben dem Weideplatz lag das Haus mit Schuppen, Scheune und Schweinestallungen. Davor Rasen, Blumen und dahinter ein großer Obstgarten. Der Boden lag voll von Pfirsichen, die der letzte Wind heruntergeschüttelt. Aber auch Birnen und Äpfel fehlten ebensowenig wie ein Bananengebüsch und eine große dichte Weinlaube, unter deren dichtem Blätterdach man herrlich kühl ging, während einem die reifen blauen Trauben nach Art des Schlaraffenlands in den Mund hingen.

Das Haus war, was selten ist, ein Ziegelbau mit Fachwerk; sauber und fest. Der Besitzer kam uns von der Veranda entgegen. Er konnte sich jetzt schon ab und zu ein Mußestündchen leisten. Mit Ausnahme von etwa fünf Hektar Wald, den er zur Deckung seines Holzbedarfs stehenließ, war alles gerodet und angebaut. Mais, Tabak, Maniok, Reis, Zuckerrohr — nichts fehlte. Wir liefen uns in der heißen Mittagssonne müde, bis wir alles angesehen hatten.

Man hört so oft, daß nur Landwirte es wagen sollten, in Übersee als Kolonist anzufangen, allein ich habe viel Nichtlandwirte drüben angetroffen, die es als Kolonisten zu etwas gebracht. Auch Schirach war Fabrikarbeiter gewesen, nicht einmal jung, 34 Jahre, desgleichen seine Frau. An Kapital hatte er ein Conto — das sind 1000 Milreis —, nach heutigem Geldwert etwa 10000 Mark, mitgebracht. Dafür hatte er das Haus gebaut. Er wollte sich gleich ein behagliches Heim schaffen. An Betriebskapital blieb ihm also nichts übrig. Heute, nach acht Jahren, wertet seine Kolonie etwa 14 Contos, mit totem und lebendem Inventar etwa 22. Sein jährlicher Reingewinn beträgt, abgesehen von dem sehr reichlichen Leben, das ihm seine Kolonie bietet, mindestens ein Conto. Unter Umständen können die Erträge auch viel höher sein. Beispielsweise kann ein Mann im Jahr auf einem halben Hektar 20000 Tabakpflanzen anbauen. Sie werden im Frühjahr gepflanzt, im Spätsommer wird geerntet. Bei einem guten Jahr gibt das einen Ertrag von zwei Contos.

Schirach sagte uns nicht, was er an seinem Tabak verdiente. Aber er zeigte uns die Stangen, an denen büschelweise die breiten Blätter zum Trocknen hingen, und die schwarzen Rollen fertigen Tabaks — die Kolonisten bereiten meist selbst ihren Tabak. Er besteht aus festgedrehten, ein wenig fettigglänzenden Rollen, die wie große Blutwürste aussehen. Sich daraus eine Zigarette zu drehen, ist keine Kleinigkeit. Erst schneidet man wie bei einer Wurst eine Scheibe ab, dreht und zerdrückt sie zwischen den Händen, rollt und zerkleinert dann den Tabak und wickelt ihn schließlich in ein trockenes Maisblatt ein.

Es liegt ein besonderer Reiz darin, sich seinen gesamten Lebensbedarf selbst herzustellen. Es kommt nichts auf den Tisch, was nicht auf eigenem Grund und Boden gewachsen, und als wir uns zum Essen setzten, war alles eigenes Erzeugnis, bis zu dem selbstgekelterten Wein und dem Zucker zum Kaffee.

Wir saßen in patriarchalischer Weise mit den drei hübschen Mägden und dem schwarzen Knecht zu Tisch. Schirachs hatten keine Kinder, und ihr Wohlstand schlägt eigentlich aller Theorie ins Gesicht, daß es nur der Kolonist mit vielen Kindern zu etwas bringt.

„Ach, wenn wir Kinder hätten!“ meinte die Frau. Sie war Ungarin, gleich ihrem Mann, und noch immer hübsch.