Dicht neben mir kräuselte sich die Flut. Etwas sich Windendes, Schillerndes. Eine Wasserschlange. Ich erschrak und machte einen Bogen. Außerdem fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, nach Alligatoren zu fragen. Überhaupt die Barkasse. Es war Zeit umzukehren.
Ich wendete. Karl war nicht mehr zu sehen. Die Strömung war viel stärker gewesen, als ich geschätzt, und ich war weit stromab getrieben. So gut es ging, holte ich gegen den Strom auf, aber ich kam doch gut ein Kilometer weiter flußab ans Ufer. Vor einem Steilhang lagerte sich ein schier undurchdringliches Gewirr von Wasserpflanzen. Glücklich kam ich heraus und trabte zu meinen Kleidern. Als ich da war, legte eben die Barkasse an.
Bereits wenige Kilometer hinter der Stadt traten die Waldberge bis dicht an den Fluß heran, hohe, dichtbewaldete Kuppen. Nur ab und zu sieht man ein Stück Hang gerodet. Daneben liegt zwischen Mais, Wein und Pfirsichbäumen ein Haus. Eine einfache Bretterhütte, aber herrlicher gelegen als die schönsten Villen an mondänen Plätzen.
Die Kolonisten, die hier am Ufer wohnen, haben beste Absatzgelegenheit auf billigem Wasserwege nach Porto da União. So wundert man sich, daß noch nicht mehr Boden urbar gemacht ist. Allein das Land an beiden Ufern gehört Kolonisationsgesellschaften. Sie haben es nicht sehr nötig zu verkaufen, von Porto da União soll eine Bahn Iguassu abwärts gebaut werden. Dann verdoppeln sich die Preise.
Diese Bahn ist nötig; denn der Iguassu ist nur bis Porto Almede schiffbar; dann beginnen die Stromschnellen: ein Krescendo von über Felsen stürzenden Wassern, bis sie ihren Höhepunkt in den Fällen von Santa Maria erreichen, kurz vor der Mündung des Flusses in den Paraná in einer Phantasie tosender Wassermengen.
Die Iguassufälle sind ein Weltwunder. Sie sind die größten der Welt. An Höhe und Wassermenge übertreffen sie noch den Niagara und die Viktoriafälle des Sambesi. Die Energiemenge, die da verstäubt, genügte für ganz Südamerika; aber bisher ist noch nicht die bescheidenste Pferdekraft gewonnen. Die Fälle liegen mitten im feuchtheißen, tropischen Urwald, Tausende von Kilometern von den industriellen Mittelpunkten der angrenzenden Länder Brasilien und Argentinien entfernt. Brasilien lenkt planmäßig seine Kolonisation Iguassu abwärts, und auch die projektierte Bahn von Porto da União bis an die Flußmündung soll der Erschließung dieser Region dienen, deren Wichtigkeit in absehbarer Zukunft vielleicht nicht hoch genug veranschlagt werden kann. In dem Augenblick, in dem der eine der beiden Besitzer der Fälle, Argentinien oder Brasilien, auch nur die bescheidenste Anlage an den Iguassufällen schafft, wird die Erschließung der Fälle in raschestes Tempo geraten, da dann Rivalität und Eifersucht auch den andern Staat zu fieberhaften Anstrengungen und großen Unternehmungen treiben werden. Aber bis heute blieb’s bei Studienkommissionen. —
Ab und zu legte das Motorboot an. Der Neger zog es dann mit einem langen Bootshaken unter die traumhaft überhängenden Weiden und Palmen, zwischen denen weiße und rote Blumen leuchteten und flammten wie eine Schar rastender bunter Vögel. Es ist nicht viel Verkehr flußab. Der bedeutendere geht stromauf: Mais, Schweine, Hühner, Eier und Früchte von den Kolonien in die Stadt.
Trotz der raschen Fahrt wurde es fast Abend, bis wir nach Porto Almede kamen. Die Waldhänge waren etwas stärker gelichtet, ein paar rote Dächer im Grün, das war der ganze Hafen. Hinter dem letzten Haus schien ein Strich über den Fluß gezogen, von da ab war das ruhige Grün des Stromes unruhig, gekräuselt, mit weißen Flecken durchsetzt: die Schnellen.
Das Motorboot, das nur selten verkehrt, fuhr am übernächsten Tag wieder nach Porto da União. Bis dahin mußte ich nach Cruz Machado und wieder zurück sein. Zunächst schien es allerdings hoffnungslos; denn, wo ich auch um ein Pferd oder Maultier anfragte, erhielt ich abschlägigen Bescheid.