57. Auf brasilianischer Bundeskolonie.

Cruz Machado.

Wenn sich auf hoher See die großen Passagierdampfer begegnen, auf der einen Seite die Dampfer der Hoffnung, die sich neigen von den an die Reling drängenden Menschen, jubelnd, tücherschwenkend, von denen jeder einzelne eine Welt von Erwartung und Zukunftsglauben in sich trägt, auf der andern Seite die stillen Schiffe der Rückkehrenden, so hat solches Zusammentreffen immer etwas von dem Begegnen der Züge im Felde an sich. Die einen, die frisch an die Front fahren, laut und lärmend, voll Hoffnung, unbekümmerten Mutes und Leichtsinns, und die andern mit den roten Kreuzen und den stillen blassen Männern, beschattet vom harten Ernst bitterer Enttäuschung, aber auch starrer Entschlossenheit. Jeder Dampfer, der in die Heimat zurückkehrt, trägt unsichtbar solch rotes Kreuz, und jeder, der auf ihm fährt, die Narben der Enttäuschung, sei es sichtbar im Antlitz, sei es unsichtbar in der Seele. Auch jene, die die alte Heimat nur zeitweise aufsuchen, die nicht klagen können, auch jene, die erfolggekrönt zurückkehren. Irgendwie war es doch anders, bitterer, schwerer, zum mindesten anders. Und fast alle führte der Weg von der großen Hoffnung über die große Enttäuschung, zum schließlichen Erfolg, oder zum stillen Sich-Bescheiden, oder zum Zusammenbruch, aus dem nur das nackte Leben in die alte Heimat zurückgerettet wurde.

Wenn die Schiffe aus der Heimat drüben einlaufen, in der Bai von Rio, deren berauschender Zauber selbst Menschen trunken macht, die schon satt sind von der Schönheit der Welt, oder in dem Silberstrom, dessen braune Unendlichkeit grandios trostloser Wüste gleicht, aus der Buenos Aires gleich einer Fata Morgana aufsteigt, so zittert die Luft von all der ausströmenden Hoffnung und Erwartung. Jeder ist ein heimlicher König, auf den all die Reichtümer, die da am Strande ausgebreitet liegen, nur warten, daß er sie aufnehme.

Es soll niemand die Hoffnung genommen werden, der hinüberfahren will in das Land der Hoffnung. Aber ich sah doch Menschen, die bei der Landung die Welt in die Tasche steckten, die in der Einwandererbank der Hauptstadt noch den Kopf hochhielten, die in den verflohten, verwanzten Einwandererschuppen im Innern bereits klagten und dann im Urwald nach kurzer Zeit die Axt hinwarfen und wegliefen, um irgendwo unterzutauchen, oder andere, die in der Stadt am La Plata nur allzu rasch den Weg vom „Kaiserhof“ über den „Deutschen Bund“ zum Nachtquartier auf den Freitreppen des Colontheaters fanden.

Was ich in der neuen brasilianischen Staatskolonie Cruz Machado an Einwanderern vor mir sah, waren eben der Hundertsatz an Zähen, Energischen, die sich nicht abhalten ließen, den Weg ins Neue, in neue Heimat, auf jungfräulichem Boden zu versuchen. Der Weg ist nicht leicht.

Es ist unendlich schwer, eine solch junge, eben erst im Entstehen begriffene Kolonie zu beschreiben. Sie ist so, wie sie der einzelne Einwanderer als Vorstellung im Herzen trägt. Nur auf das Hoffen, Wünschen und Glauben kommt es an. Es ist ja nichts gegeben; alles existiert nur im Herzen, in der Phantasie. Auch Cruz Machado muß erst von der Summe der Willensenergien derer, die in ihr arbeiten wollen, geschaffen werden.

Die Auspizien sind gut. Das Einwandererhaus ist übervoll, und täglich kommen neue Familien an, voll Hoffen und Glauben. Die Kolonieverwaltung hat es übernommen, jeder Einwandererfamilie ein Haus auf ihrem, von ihr selbst gewählten Los zu bauen.

Hier beginnt die erste Schwierigkeit. Die Verwaltung kommt nicht nach. Der Andrang ist im Augenblick so groß, daß die Häuser nicht rasch genug gebaut werden können. So ist der Einwandererschuppen übervoll. Rechts eine Reihe Pritschen, links eine Reihe Pritschen. Darauf Männlein, Weiblein und Kinder in buntem Wechsel. Die Betten sind verwanzt, der Schuppen ist heiß, in den schmalen Gängen zwischen den Pritschen wimmelt es von Kindern. Zank und Streit ist nahe bei der Hand, wenn so viele Menschen so dicht beieinander wohnen. Die Neuankommenden nehmen wieder Platz weg. Die Unzufriedenheit der bereits Unzufriedenen trübt auch ihre Laune.