Da mag es nicht immer leicht sein, das Bild der Kolonie so froh und schön im Herzen zu tragen, wie es eben nötig ist, wenn man vorwärtskommen will.
Der brasilianische Staat übernimmt nicht nur die freie Beförderung der Einwanderer und ihres Gepäcks vom brasilianischen Hafen bis auf die Kolonie einschließlich Verpflegung (freie Überfahrt wurde in beschränkter Anzahl gewährt, ist aber gegenwärtig beinahe unmöglich zu erlangen) auf der Reise und in den Einwandererhäusern, er stundet auch die übrigens sehr niedrigen Sätze für Kolonielose und Häuser. Außerdem werden den Einwanderern ein Vierteljahr lang Lebensmittelkredite in Höhe von einem Milreis für jedes Familienmitglied gewährt, die durch Wegarbeiten abverdient werden müssen. Da auch Samen und Arbeitsgerät von der Kolonieverwaltung geliefert werden, ist theoretisch die Ansiedelung auf einer brasilianischen Staatskolonie ohne jedes Kapital mit Ausnahme des für die Überfahrt nötigen möglich. In der Praxis gibt es natürlich einige Schwierigkeiten, da doch für eine ganze Reihe von Bedürfnissen Geld erforderlich ist, und auch die Lebensmittelkredite zu völliger Sättigung bei der schweren Arbeit kaum ausreichen.
„Wir haben unsern Koffer verkauft,“ jammert mir die Frau, die vor dem Einwandererschuppen gerade ihre Sachen wäscht, „jetzt weiß ich nicht mehr, wohin mit den Sachen.“
„Und ich hab ihm Stiefel gegeben, dem Kerl“, fügt eine andere Frau hinzu und weint. „Keiner wollt’ was geben dafür.“ Sie halten zusammen, all die Schmeißfliegen, die den Mangel nutzend in jeder neuen Kolonie die Einwanderer umkreisen und ihnen für wahre Schandpreise ihre Sachen abnehmen. Aber nur durch Verkauf können sich viele Herübergekommene das nötige Bargeld verschaffen.
Die beiden Frauen weinen laut auf, als sie mir erzählen, was sie alles verkaufen mußten. Andere kommen hinzu und bringen andere Klagen vor. Jammern steckt an. Das ist das Gefährliche.
Sicher ist manche Klage berechtigt, und jeder, der Südamerika kennt, weiß, daß die zweifelsohne guten und praktisch durchdachten Einwanderermaßnahmen des brasilianischen Staates oft genug von Durchstechereien der untern Behörden durchkreuzt werden können. So erscheint mir glaubhaft, daß gewisse Beamte der Immigração auf Einwanderer, solange sie noch im Einwandererhaus auf der Blumeninsel bei Rio sind, einen Druck ausüben, sich auf Fazendas, auf Kaffeeplantagen, zu verdingen, statt auf eine Staatskolonie zu gehen. Die Kaffeefazendeiros brauchen dringend Arbeitskräfte, und wer will sagen, ob nicht der oder jener Beamte eine empfängliche Hand hat?
Aber auch in Cruz Machado selbst gab es mancherlei Klagen. Die Werkzeuge und der Samen würden in schlechtem Zustand und unvollständig geliefert. Der Lohn für die Wegearbeit werde nicht voll ausbezahlt, und dergleichen mehr. Klagen über Klagen von den einen, dann aber wieder Zufriedenheit und frohes Glück in den Augen bei andern, die sich schon durch die ersten Schwierigkeiten durchgebissen, denen der Mais schon Früchte trägt, die sich bald ein Schwein kaufen können, und die, wenn sie abends arbeitsmüde vor ihrer Hütte sitzen, im Geiste Wohlstand und Reichtum zwischen der frisch gemachten Roce emporsprießen sehen.
Auf der Kolonieverwaltung sah ich die Karten ein. Das ganze zur Verfügung gestellte, vermessene Land ist bis auf ein Zipfelchen vergeben. Doch sind bereits Vermessungskolonnen unterwegs, um weitere große Urwaldstrecken für Kolonisationszwecke zu vermessen. Urwald, nichts als Urwald, doch in nicht allzu ferner Zeit aller Voraussicht nach blühende, reiche Landstriche. Ich sah Kolonien, die fünf Jahre bestehen, nette kleine Dörfchen inmitten wogender, früchteschwerer Felder, zehn Jahre alte Kolonien, in denen es Vorangekommene schon zu kleinen landwirtschaftlichen Industrien brachten, wo schon ein Kirchturm zwischen Essen gen Himmel ragt. Und dann die großen, reichen Städte in Rio Grande, das große Vorbild und das Symbol der Hoffnung allen, die jetzt mit dem Einwandererbündel auf der Blumeninsel landen.
58. Kaffeefazendas.
São Paulo.