Unter solchen Bedingungen haben zahlreiche Einwandererfamilien es dahin gebracht, sich nach einer Reihe von Jahren erst Land zu pachten und später kleine Kaffeeplantagen zu kaufen und auf eigene Rechnung zu bewirtschaften. Aber äußerste Sparsamkeit in den ersten Jahren gehört dazu und Verzicht auf alle Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten. Außerdem darf man nicht krank werden; ein Unglücksfall kann alles ruinieren, und man darf nicht auf eine Fazenda kommen, wo der Besitzer für die Lebensmittel, die jeder besitzlose Arbeiter für den Anfang auf Kredit nehmen muß, Wucherpreise verlangt. Sonst ist die Gefahr der Schuldenwirtschaft gegeben, die leicht zu einer Schuldknechtschaft werden kann.
Als ich in São Paulo auf dem deutschen Konsulat war, traf ich dort einen Mann und eine Frau, die von einer Kaffeefazenda in die Stadt geflohen waren. Der Fazendeiro hielt sie über den Kontrakt hinaus auf der Fazenda unter geradezu grauenhaften Verhältnissen. Als sich der Mann dagegen auflehnte und fort wollte, ließ der Plantagenbesitzer ihn niederschlagen und sperrte ihn in den Schweinestall. Mit einem andern dort arbeitenden Deutschen floh daraufhin die Frau, um die Hilfe des Konsulats anzurufen.
Solche Fälle mögen selten sein. Der geflohene Mann sagte mir selbst, daß er seit vielen Jahren auf Fazendas arbeite und daß er solche Verhältnisse bisher nie angetroffen habe. Allein, mögen sie auch noch so selten sein, Vorsicht tut doch bei jedem Vertragabschluß not. Wesentlich bessere Bedingungen würden sich erzielen lassen, wenn es gelänge, für die deutschen Einwanderer Tarifverträge durchzusetzen und eine Organisation zu schaffen, die dafür sorgt, daß solche Ausnahmefälle von Brutalitäten und Übergriffen nicht mehr vorkommen oder daß wenigstens ihre Ahndung auf dem Fuße folgt. Gar so schwer könnte das nicht sein; denn Brasilien lebt vom Kaffee, und ohne Zufuhr von Arbeitern für die Fazendas müßte es wirtschaftlich zusammenbrechen.
59. Die Großstadt der Tropen.
Rio de Janeiro.
„Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit.“
Wenn der Dampfer in die Bai von Rio de Janeiro einläuft, vorbei an den umgischteten Kaimauern der alten Forts und unter dem Schatten der unheimlichen Felssäule des „Zuckerhuts“, schaut man den Berg, auf den der Satan den Erlöser führte, um ihn zu versuchen. Wenigstens machen die Brasilianer Anspruch darauf, daß der Corcovado, die steil über Stadt und Bucht ragende Felsklippe, der Berg sei, von dem das vierte Kapitel des Matthäus-Evangeliums erzählt.
Es läßt sich gegen diese Legende wenig einwenden; denn der Versucher hätte in ganz Palästina, ja in der ganzen Alten Welt keinen Fels finden können, zu dessen Füßen so überreich alle Herrlichkeit der Welt ausgebreitet ist.