Brasiliens Hauptstadt ist vielleicht die schönste Stadt der Erde. Das ist so bekannt und so oft geschildert, daß es müßig wäre, darüber noch ein Wort zu verlieren. Mehr noch, man sollte gar nicht erst versuchen, ihre Schönheit zu schildern; denn sie ist derart, daß sie über Maß und Beschreibung hinausgeht. Wenn man über die grünen, palmenbestandenen, in Blüten brennenden Hügel streift, die wie vielfach gereihte Perlenschnüre Stadt und Bai umgrenzen, geht das Maß des Schönen selbst über das hinaus, was die Augen aufzunehmen vermögen. Ins Extrem überschlagend möchte man ausrufen: „Ja, weiß der Himmel, Rio ist schön; aber das weiß ich nun schon. Laßt mich in Dreiteufelsnamen in Ruhe, ich kann nicht mehr.“
Wenn irgendwo, braucht man in Rio Zeit und Muße, um die Schönheit zu genießen, die dort auf den Beschauer einstürmt. Denn sie ist immer da, ob die über die Bucht gespannte, schmerzhaft blaue Kuppel wolkenlos ist und alle Farben an Leuchtkraft miteinander wetteifern, oder ob die aus schwarzen Wellen und weißem Gischt ansteigenden, mit allen Tropengewächsen überwucherten Felsen in mystisch-geheimnisvolle Nebel sich verlieren. Mag man über die Hügel wandern oder die Bucht durchkreuzen, die endlosen Praias, die Strandpromenaden, im Auto oder in der Elektrischen entlang fahren, auf den Corcovado steigen oder auf den Zuckerhut, die Schönheit wird nie weniger. Immer eine neue Bucht, eine neue Klippe, aus Palmen und Blüten wachsend, immer ein neuer Ausblick. Geht die Sonne auf, brennen Bucht und Berge in dem tiefsten Rot einer ungeheueren Feuersbrunst. Senkt sich die Nacht, so laufen vielfache Lichterreihen jede Strandzeile entlang, jeden Hügel hinauf. Die Berge stehen wie phantastische Schatten am Himmel, bis auf den unheimlichsten, den Pão d’Assucar, der aus den Lichterkränzen aufsteigt wie die gespenstische Vision eines riesenhaften Symbols altheidnischer Phallusfeste.
Wenn ich jemand beneide, so sind es jene portugiesischen Seefahrer, die, als erste in die Bucht einlaufend, die ganze Tropenwelt um die blaue Bucht noch in ursprünglicher, unberührter Herrlichkeit antrafen.
Das heißt jedoch nicht, daß Rio als Stadt nicht auch seine schönen Teile hätte. Keineswegs will ich mir das boshafte argentinische Wort zu eigen machen, das von Rio, wie überhaupt von ganz Brasilien behauptet: „La naturaleza todo, los brasileros nada“; das heißt, daß alles die Natur geschaffen, die Brasilianer nichts.
Freilich, die Stadt ist entstanden und gewachsen wie alle südamerikanischen Städte. Wahllos und unorganisch wurden Häuser und Straßen über Hügel und Täler geworfen. Aber einen großen Vorzug hat sie vor fast allen übrigen Seestädten, die Lage des Hafens.
Freilich der mächtige Eindruck eines modernen Hafens soll nicht geleugnet werden, der immer gleich bleibt, mochte man an einem Nebeltag die Elbe hochfahren und in vergangenen Tagen den Mastenwald des Hamburger Hafens vor sich sehen, oder auf der Themse unter Tower Bridge hindurchgleiten, oder in den Hudson einlaufen zwischen Docks, Riesenschiffen und den phantastischen Wolkenkratzern New Yorks. Aber immer schließt doch der Hafen die eigentliche Stadt vom Wasser und der freien See ab, bleibt kein Platz für Bäder und Strandpromenaden. Rio dagegen stößt mit seinem Zentrum, mit seiner City, in breiter Front an die offene Bucht, und der Hafen, Arsenale, Docks und Werften, alles was raucht, qualmt und lärmt, ist nach hinten verlegt, tiefer in die Bucht hinein, gleichsam an die Rückseite der Stadt. Was man beim Einlaufen von der Stadt zunächst vor sich sieht, wirkt wie ein Palast, wie ein Garten.
Bai von Rio de Janeiro, vom Gipfel des Corcovado aus.
In der Mitte der „Zuckerhut“.