Auf dem Marsch durch den Urwald.
Blumeninsel bei Rio de Janeiro.
Diesen Teil der Stadt so auszubauen, daß er den Vergleich mit jeder Hauptstadt der Welt aushält, hat die Brasilianer ein Vermögen gekostet, so viel, daß die Unzufriedenheit in den einzelnen Staaten, vor allem in denen des Nordens, groß wurde, weil so viel an den Prunk der Hauptstadt gehängt wurde, während es für ihre Bedürfnisse an Geld mangelte.
Wie Buenos Aires war die City von Rio ursprünglich ein Winkelwerk kleiner Gassen. Eine Bresche wurde hindurchgeschlagen, von einer Bucht zur andern, ein mächtiger Durchlaß für Luft und Licht, der den frischen Seewind bis ins Zentrum trägt. Die so entstandene Avenida Rio Branco grenzt auf der einen Seite an die Kais und die Hafenanlagen, auf der andern an die Praia, den freien Strand, die breiten palmenbepflanzten und beetumsäumten promenadeartigen Straßenzüge, die viele Kilometer weit die Buchten entlang führen.
Auf diesen Promenaden, sowie in den Straßen, die auf sie münden, sieht man am frühen Morgen ein eigenartiges Bild: Männlein und Weiblein wandern da, nur mit dem Badeanzug, höchstens noch mit Bademantel oder Badetuch bekleidet, an den Strand. Eine Badeanstalt in unserm Sinn gibt es in ganz Rio nicht; jeder badet, wo er gerade Lust hat, und an der Stelle, die seiner Wohnung am nächsten. In bestimmten Abständen führen Treppen oder schräge Rampen ins Wasser hinunter. Dieser Badebrauch beschränkt sich keineswegs auf die unteren Schichten. Auch die Damen der Gesellschaft baden hier, und man kann des Morgens häufig Damen sehen, die im Badeanzug ihr eigenes Auto an den Strand hinunterlenken.
Autos sieht man überhaupt in ungeheuerer Menge, kaum viel weniger als in New York oder Chicago. Pferde dagegen ziehen höchstens noch einen Leichenwagen. Nichts macht einen merkwürdigeren Eindruck als so ein schimmelbespannter Leichenwagen, hinter dem eine endlose Kette vielepferdestarker Automobile im langsamsten Tempo dahinschleicht.
Ja, die Stadt ist reich, und sie zeigt und verschwendet ihren Reichtum, sie, die kostbarste Blüte eines reichen Landes. Es war für sie keine Kleinigkeit, nicht nur zur schönen, sondern auch zur gesunden Stadt zu werden. Ursprünglich war Rio de Janeiro eines der schlimmsten Fiebernester an der brasilianischen Küste. So schlimm, daß zeitweise die Schiffe sich scheuten, es anzulaufen — man erzählte von Schiffsbesatzungen, die bis auf den letzten Mann dahingesiecht waren —, so schlimm, daß die brasilianischen Kaiser ihre Residenz aus dem Fiebersumpf heraus in die Berge verlegten, wo sie in Petropolis sich eine eigene Stadt bauten.
Heute aber ist Rio so gesund wie nur irgendeine Stadt der Welt. Hier, wo es bei einer Lage zwischen Wasser und Wald von Moskitos wimmeln müßte, kann man nachts im Freien ohne Moskitonetz schlafen.