Tief innen in der Bucht von Rio de Janeiro, mehr als eine Stunde Motorbootfahrt von den Hafenkais, liegt die „Ilha das flores“, die Blumeninsel. Irgendwo versunken ist der Lärm des Hafens, das Kreischen der Krane, das Rasseln der Ketten, das Hämmern der Werften und Werkstätten, aber auch das Brausen der über die breiten Aveniden und Promenaden der Weltstadt sich drängenden Massen und der jagenden Autos. Eine einsame Insel in märchenstiller Bucht. Flache Dächer unter ragenden Palmen, die sich spiegeln in unwahrscheinlich blauer Flut.
Man könnte meinen, irgendein menschenscheuer Sonderling habe sich hier seine Zuflucht gebaut, oder die weitgestreckten Hallen bergen ein Sanatorium, eine Erholungsstätte für Menschen, die in vollkommener Stille und Einsamkeit kranke Nerven kräftigen wollen.
Auf diese Insel hat die brasilianische Regierung das Einwandererhotel verlegt, jene Stätte, die für die ersten Tage nach der Ankunft alle gastlich aufnimmt, die in Brasilien eine neue Heimat suchen. Es ist, als wolle man den Neuankömmlingen gleich das Schönste zeigen, was dieses an Schönheiten reiche Land bietet, als wolle man ihnen hier auf dieser stillen schönen Insel erst Muße gewähren, sich hineinzufinden in diese so ganz andere fremde tropische Welt, die jetzt das neue Vaterland werden soll. Als sollten sie hier erst noch einmal Kräfte schöpfen und Mut fassen, ehe sie hinausgeschleudert werden in einen unerbittlich harten Lebenskampf unter sengender Sonne. Wenige Tage hier in beschaulicher Muße, dann gehen die Transporte weiter, nach São Paulo, Santa Catharina und Paraná, wo blühende Kolonien aneifern und die Möglichkeiten aufzeigen, die der jungfräuliche Urwaldboden birgt, oder ins Innere des Landes, in jene unermeßliche, noch unerschlossene Steppe von Matto Grosso, in die Berge von Minas Geraes oder auch in den fieberheißen Norden von Bahia und Pernambuco. Wenige Tage der Ruhe und letzte reifliche Wahl; denn der einmal getroffene Entscheid ist nach viele Tage langer Fahrt am Bestimmungsort nur schwer noch zu ändern. Einmal nur gewährt die Einwanderungsbehörde freie Reise, freie Gepäckbeförderung und freien Unterhalt. Einmal an der selbstgewählten Arbeitsstätte heißt es, sich selbst weiterhelfen, wenn der Einwanderer nicht das findet, was er erhofft und erwartet.
Es ist gerade ein Dampfer des Brasilianischen Lloyd eingetroffen, der aus Hamburg viele Hunderte deutscher Freifahrer herüberbrachte, jene Glücklichen, denen es nach endlosen Laufereien, Plackereien und Scherereien mit Konsulaten und Behörden möglich war, die freie Überfahrt zu erlangen, die der brasilianische Staat für dreitausend deutsche Auswanderer auswarf.
Glückliche? — Heute sind sie es noch. Man sieht nur strahlende, leuchtende Gesichter. Auf dem Anlegeplatz spielen Kinder, im Wasser tummeln sich Schwimmer, deren weiße Leiber wie in durchsichtigen blauen Kristall gefaßtes Elfenbein wirken, in der offenen Wandelhalle unter den Palmen sitzen behaglich und zufrieden Männer und Frauen. Die Motorboote, die heute abgehen sollten, um die Einwanderer zur Stadt zu bringen, von wo mit Bahn und Schiff die Reise weitergehen sollte, sind nicht gekommen. Die Abreise ist um einen Tag verschoben worden. Man hat alles gepackt, alles erledigt, nun hat man noch einmal vierundzwanzig Stunden süßen Nichtstuns, noch einmal Frist auf der stillen Insel, ehe der Kampf beginnt.
Die wenigsten wissen, daß es ein Kampf ist, der ihrer harrt, zum mindesten wissen sie nicht, wie unerbittlich und hart er ist. Die schöne, üppige Insel in der von kühlen Winden umfächelten Bucht verführt dazu, alles ein wenig zu schön und zu leicht zu nehmen. Ich plaudere mit den nächsten. Als mein Name fällt, sammelt sich ein rasch wachsender Kreis um mich. Kaum einer unter den Einwanderern, der ihn nicht kennt, der nicht den einen oder andern der Aufsätze las, die ich seit anderthalb Jahren aus Südamerika geschrieben. Fast alle tragen ja schon seit Jahren den Plan in sich, jenseits des Ozeans sich eine neue Heimat zu suchen, und so haben sie gierig alles gelesen, was über die Länder geschrieben wurde, in die sie ziehen wollten.
Frage über Frage: Die meisten wollen das wiederholt hören, was sie sich zurechtgelegt haben über die Gegend, die Arbeit und Lebensweise, die sie sich aussuchten. Sie wollen das Bild bestätigt sehen, das sie gläubig hoffend im Herzen tragen. Es wird Enttäuschungen geben — für alle. Manche, die sie überwinden, werden nach schwerem Anfang den Weg zu Glück und Wohlstand finden, aber auch manche werden elend zugrunde gehen, wie ich so viele zugrunde gehen sah!
Das Land, der ganze Erdteil ist reich, unermeßlich. Aber nicht umsonst blüht und wuchert und treibt es aus ihm in tropischer Fülle. Wer die Schätze heben will, zahlt hohen Preis mit Jahren voll Mühe und Arbeit, häufig mit Gesundheit und Leben.
Eine aufsteigende Welt! Man mag Südamerika durchziehen, wo man will, durch die argentinische Pampa, über die chilenische Kordillere, durch die bolivianische Puna oder den brasilianischen Urwald, überall wird sich der Gedanke aufdrängen, daß hier eine neue machtvolle Welt in der Bildung begriffen ist, eine Welt, die gestützt auf überreiche natürliche Hilfsmittel einmal darangehen wird, sich ihren Platz als ausschlaggebender Faktor im weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Ringen zu sichern. Eine gewaltige Welle rasend schneller Entwicklung wird einmal auf diesem jungen und noch immer so wenig bekannten Kontinent sich erheben, und sie wird alle hochtragen, die den rechten Augenblick erfassen.
Freilich, auf den rechten Augenblick kommt es an; denn auf diesem seit Jahrzehnten durch Krieg, Revolution, Parteistreitigkeiten, Anarchie und Diktatur erschütterten Erdteil geht in raschem Wechsel die Entwicklung auf und ab, und ehe der große jähe Anstieg anhebt, mag mancher, der hoffnungsfreudig und arbeitswillig hinauszog, in den Wellentälern niedergehender Konjunktur, wirtschaftlicher Depression, politischen Streites und sozialer Unruhen begraben werden.