Unten in der Avenida rollen in sechsfacher Reihe die Autos, Wagen an Wagen; wie bei marschierender Truppe Leib an Leib gepreßt, zieht es sich wie ein stählernes endloses Band, wie ein grau und gelb und schwarz lackiertes Trottoir roulant hin, das alles, was Geld und Macht und Ansehen hat, hin- und herträgt zwischen den die Straße gleich mächtigen Querriegeln begrenzenden Gebäuden, dem Regierungspalast und dem Kongreß. In den beängstigend engen Straßen aber, die beiderseits der Avenida wie schmale Rillen in die viereckigen Häuserblöcke eingeschnitten sind, drängt sich der Strom der Autos, Wagen und Fußgänger so dicht, daß sie von hier oben kaum belebt erscheinen.

Ist es anders als in der Fifth Avenue oder in den Steinschluchten um Woolworth oder Bankers Trust Building in New York City? Wer dem Pulsschlag lauscht, dem Pochen des Herzens, das in jeder Stadt schlägt, wird den Unterschied finden.

Hier fehlt der eine harte Klang, der das ganze Leben der Union durchzittert, der Rhythmus Dollar, Dollar, Dollar, der in den Riesenturbinen von Niagarafalls nicht anders pulst als in dem Blut der Tausende von Girls in weißen Blusen, die nach Geschäftsschluß die Straßen füllen als springlebendiger, weicher, warmer Strom.

Hier fehlt die harte Geste, das Vorwärtsdrängen, Zurückstoßen. Schon an der Art, wie sich der Straßenverkehr abspielt, wird es erkennbar, an der graziösen Leichtigkeit, mit der der elegante schlanke Schutzmann in dunkelblauer Uniform und blauem Tuchhelm mit seinem schneeweißen Gummiknüppel in weißbehandschuhter Hand den Strom der Autos lenkt. An der Höflichkeit und Liebenswürdigkeit der Menge wird es deutlich, die sich ohne Lärm, ohne Zwischenfall, ohne Schelten in den lächerlich engen Straßen bewegt, auf deren Bürgersteigen nicht zwei Personen nebeneinander gehen können.

Sicher spielt in den geschäftlichen Kreisen von Buenos Aires Geld keine geringere Rolle als in andern Handelsmetropolen, sicher wird hier im Verhältnis nicht weniger umgesetzt und verdient als in New York oder London, aber die Brutalität des Geldmachens fehlt hier. Man lebt leichter, verdient leichter und gönnt auch dem Nächsten seinen Teil, so daß die Geste auch des Geschäftsmannes hier liebenswürdige Höflichkeit bleibt.

Und weiter erkennt man bei näherem Zusehen, daß diese scheinbar so amerikanische oder europäische Stadt im Grunde ganz etwas anderes ist: durch und durch argentinisch; mag dies auch in dem noch unorganischen Stadtbild nicht deutlich werden, wo ein moderner englischer Geschäftsbau neben einem altspanischen Hause mit blumenumranktem Innenhof steht.

Buenos Aires ist eine Stadt, die ins Maßlose, Unbegrenzte strebt. Im Zentrum, das für zwanzig- oder zweihunderttausend Menschen gedacht und gebaut wurde, muß sich heute der Verkehr einer Menschenmasse von zwei Millionen abspielen. Darum hat man alle neuen Straßen in zehnfacher Breite angelegt. Kilometerweit hinaus führen breite Avenidas, die heute nur ärmliche, ebenerdige Häuser oder Buden und Hütten säumen, die aber vielleicht schon in zehn Jahren elegantes Leben füllt.

Diese Stadt will wachsen. Auch die City will heraus aus ihrer Enge. Und darum hat man im Zentrum ganze Reihen von Häuserblöcken niedergerissen und daraus die Plaza und Avenida de Mayo geschaffen. Darum sollen auch weitere Straßenreihen fallen. Die Ansätze dazu sind schon da. Bis die ganze innere Stadt mit einem Netz breiter Diagonalen durchzogen ist, die Luft, Licht und Raum schenken.

Städte sind Lebewesen, die wachsen, blühen und sterben. Drüben jenseits des lehmigen Wassers des La Plata und des blauen des Atlantik liegen Städte, in deren verwahrlosten Straßen der Menschenstrom kreist wie schweres schwarzes Blut in kranken Adern, deren Häuserfassaden die Spuren durchlebter Fieberschauer tragen oder die Anzeichen kommender. Nirgends empfindet man so stark wie in dieser jungen, so namenlos jungen Stadt, wie krank Europa ist, wie krank und unheilschwanger!