5. Einwanderung nach Argentinien.
Mariano Saavedra.
Die große Halle von Retiro, dem Bahnhof des Central Argentino, liegt im milchigen Licht der Bogenlampen. Gepäckträger umringen das vorfahrende Auto. Der Chauffeur fährt nach Taxe. Im Handumdrehen ist das Gepäck aufgegeben. Die Erlangung der Schlafwagenkarten kostet einen Gang ins Reisebureau, keine Bestechung, kein Schmieren, kein Aufgeld.
Ein leerer Bahnsteig, keine Menschenmenge, die sich vor der Sperre staut. Wagen, in denen jeder bequem Platz hat, sauber, geräumig; auch die zweite Klasse, die unserer dritten und vierten entspricht. In dem sonst so unsozialen Argentinien kennt man nur zwei Wagenklassen.
Mächtige Autobusse fahren vor dem Bahnhof vor. Eine bunte Menschenmenge, Männer, Frauen und Kinder, drängt heraus. Lastwagen, hochbeladen mit Gepäck, folgen. Es sind die Wagen der Einwanderungsbehörde. Die freie Beförderung zu den Bahnhöfen und weiter bis zur gewählten Arbeitsstelle, mag sie auch am äußersten Zipfel der Republik liegen, gehört zu den Vergünstigungen, die die Regierung Einwanderern gewährt.
Diese Vergünstigungen sind nicht unerheblich. Schon der Empfang ist besser als beispielsweise in den Vereinigten Staaten, trotz aller Vorsichts- und Kontrollmaßnahmen, die die argentinische Regierung zur Fernhaltung bolschewistischer Elemente immer mehr verschärft. Argentinien kennt kein Ellis Island, keine von aller Welt abgeschlossene Einwandererinsel, wo die Einwanderer jeder Willkür brutaler Beamten wehrlos ausgesetzt sind. Ist die ärztliche Untersuchung vorüber, der im übrigen die Passagiere der ersten Klasse ebenso unterworfen sind wie die Zwischendecker, und sind die Papiere geprüft, so kann jeder Einwanderer gehen, wohin er will, falls er es nicht vorzieht, ins Einwandererhotel zu ziehen. Es liegt unmittelbar am Kai. Ein hoher, heller Bau, luftig und reinlich wie ein Lazarett mit seinen fliesenbedeckten Böden und kachelbekleideten Wänden. Irgendwelchen Luxus gibt es natürlich nicht, und alles ist auf Massenbetrieb eingestellt. Allein gegenüber dem Schmutz, der Enge und Stickluft des Zwischendecks ist es ein Dorado. Was der Einwanderer braucht, ist da: Bäder, Hospital, ein Arbeitsvermittlungsamt, Post, Telegraph und vor allem eine Geldwechselstelle der Nationalbank, in der kostenlos fremde Währung eingewechselt wird; bei dem großen Aufschlag, den die Wechsler in der Stadt nehmen, ein gewaltiger Vorteil. Und vor dem Haus ein herrlicher Garten, mit Palmen und blühenden Blumen, der dem Einwanderer eindringlich vor Augen führt, in welch reiches, fruchtbares Land er gekommen.
Nach dem Gesetz steht den Einwanderern und ihren Familien fünftägige freie Unterkunft und Verpflegung zu. Das Gesetz wird sehr großzügig gehandhabt, und die Fälle sind häufig, daß Einwandererfamilien nicht nur Tage, sondern Wochen über die gesetzliche Frist hinaus kostenlosen Aufenthalt gewährt bekommen. In den Provinzen, in die sich der Einwanderer begibt, wird er gleichfalls zunächst frei untergebracht und verpflegt.