Wer nach Argentinien auswandern will, muß sich klar machen, daß er in Verhältnisse kommt, die von Grund aus neu sind, und daß er unabhängig von Beruf und Vorbildung zu jeder Arbeit und Unternehmung bereit sein muß. Im allgemeinen kann man sagen, daß die Aussichten für Kaufleute und geistige Arbeiter jeder Art schlecht, die für Handwerker und Industriearbeiter gut sind. Aber das eine wie das andere ist nebensächlich gegenüber dem Zentralproblem: die Kolonisation und Ansiedlung im größten Maßstabe. Argentinien ist ein Agrarland mit extensiver Wirtschaft. Geht man dazu über, den Betrieb intensiv zu gestalten, so lassen sich unbegrenzte Mengen von Ackerbauern und Farmern unterbringen, und ein wachsender Bedarf für industrielle, kaufmännische und geistige Arbeit wird geschaffen.
Was jetzt von Deutschland herüberkommt, läßt sich noch eine Weile in der bisherigen Weise unterbringen. Wächst jedoch der Einwandererstrom, ohne daß die Kolonisationsfrage gelöst ist, so muß es zur Proletarisierung der deutschen Einwanderer kommen. Den deutschen Einwanderern bieten sich unbegrenzte Möglichkeiten, aber erst dann, wenn die sehr schwierige hauptsächlichste Vorbedingung erfüllt ist: die Beschaffung von Land, Land und nochmals Land!
6. Die Landfrage.
Mariano Saavedra.
Wir reiten über den Kamp. Endlose Weite. Wie weiße, braune und schwarze Tupfen steht das Rindvieh im Grün des Alfalfafeldes. Weiterhin Pferde in Rudeln, dann Schafe gleich Lämmerwölkchen über den grünen Horizont ziehend. Kein Baum, kein Strauch, kein Haus. Nur die Drahtzäune, die den Kamp in einzelne Potreros teilen, laufen unermüdlich neben uns her, und ab und zu passieren wir ein klapperndes Windrad, das Wasser in die Viehtränken pumpt.
Man könnte in menschenleerer Öde sich verlassen glauben, kündete nicht der dunkle Schatten am Horizont die Estancia mit ihren Hainen und Gärten, Landhäusern und Wirtschaftsbauten. Dort die Estancia mit ihrem Schloß, in dem der Besitzer in der Regel kaum ein paar Wochen im Jahr weilt, und hier am Weg ein paar zerfallene Lehmmauern, die Reste eines Pächterhauses: das ist das Landproblem Argentiniens.
Argentinien ist das Land des Großgrundbesitzes. Seit den Zeiten des Diktators Rosas (geb. 1793, gest. 1877) haben die Regierungen ihren Günstlingen, verdienten Parteigängern, Generälen und Staatsmännern gewaltige Landkomplexe überlassen, Ländereien von der Größe eines Fürstentums wurden verschenkt oder zu lächerlich niederen Preisen verkauft. Heute ist die ganze Republik mit Ausnahme der augenblicklich wertlosen oder geringwertigen Regierungsländereien im äußersten Norden und Süden und des wenig zahlreichen mittel- und kleinbäuerlichen Besitzes in den Händen einer geringen Zahl von Großestancieros und Landgesellschaften. Komplexe von 100 und 200 Hektar, also etwa von der Größe eines deutschen Ritterguts, sind hier ein winzig kleiner Besitz. Man zählt nach Quadratleguas, einem Flächenmaß gleich 25 Quadratkilometern, und Estancien von 50, 75 und 100 Quadratleguas sind keine Seltenheit.
Diese gewaltigen Ländereien dienen lediglich der Viehzucht, und zwar einer Viehzucht extensivster Art. Weder der einheimische Landbesitzer, der Estanciero, noch der eingeborene Landarbeiter, der Gaucho, hat irgend Sinn und Neigung für Ackerbau. Da sich der reiche Argentinier nur ungern von seinem Land trennt und er andrerseits die gewaltige Wertsteigerung nicht missen will, die in dem Umreißen des rohen Kamps und seiner zeitweisen Bestellung liegen, verfiel man in diesem Land auf das eigenartige Pachtsystem des Medianero. Der Besitzer stellt Land, Vieh, Gerät und Samen einem Medianero, einem Pächter, zur Verfügung, der dafür so viel Land bestellt, wie er mit seiner Familie bewirtschaften kann. In den Ertrag teilen sich Pächter und Besitzer zu gleichen Teilen. Derartige Pachtverträge werden jedoch nur auf kurze Zeit, auf drei bis fünf Jahre, oft auch nur für ein Jahr abgeschlossen. Ist die Zeit abgelaufen, so muß der Pächter im wahren Sinne des Wortes sein Dach abreißen und dahin ziehen, wo er wieder Pacht findet. Dem Estanciero liegt ja nichts daran, dauernd Korn zu bauen. Er will lediglich den Boden seines Kampf verbessern und bessere Weide für sein Vieh bekommen. Darum legt er in der Regel dem Pächter die Verpflichtung auf, im letzten Jahr des Pachtvertrages Alfalfa zu bauen, eine Luzernekleeart, die das vornehmste Futter für Großvieh hierzulande ist.