Der Pächter hat also seinerseits gar kein Interesse daran, es sich irgendwie gemütlich zu machen. Inmitten der Öde des Kamps steht sein Rancho, eine Lehmhütte mit Wellblechdach, das der Kolonist mit sich führt. Er pflanzt keinen Baum, kaum Gemüse, und ist zu einem elenden Nomadenleben verdammt, falls es ihm nicht gelingt, sich so viel zu ersparen, daß er zum Arendatario, zum Pächter mit eigenem Vieh und Gerät, und schließlich zum Besitzer auf eigener Scholle aufzusteigen vermag.

Es ist ein brutales System, das seinen Zweck, den Wert des Landes zu steigern, zwar erfüllt — ein mit Alfalfa bestandener Kamp kostet 100 Prozent mehr als ein roher —, das aber in keiner Weise für deutsche Einwanderer in Frage kommt. Was der ins Land kommende Deutsche erhofft, ist Seßhaftigkeit auf eigener Scholle, die er mit der Zeit durch seiner Hände Arbeit erwerben kann.

Nichts ist aber schwerer als das. Die Schwierigkeiten liegen in den hohen Landpreisen, in der Wertlosigkeit der deutschen Valuta und in der Unsicherheit des Besitztitels.

Drei Wege führen zum Besitz von Grund und Boden: Kauf von privater Seite, Erwerb von Regierungsland oder von Ländereien einer Kolonisationsgesellschaft. Der erste Weg scheidet für die Besitzer von Markguthaben aus. Selbst für kleine Kampe sind bei dem derzeitigen Stand der deutschen Valuta Guthaben erforderlich, über die selbst der wohlhabende deutsche Einwanderer nicht verfügt.

Nun zum Regierungsland. Das ist die vielumstrittene Frage. Einmal, gibt es überhaupt noch Regierungsland, das für Kolonisation in Frage kommt, zum andern, wie steht es mit der Übertragung der Besitztitel?

Regierungsland gibt es sowohl in den nördlichen Territorien, in Misiones und im Chaco, als auch im Süden, in Rio Negro, Neuquen, Chubut und Santa Cruz. Die allgemeine Ansicht geht dahin, daß beide Gebiete für Kolonisation nicht in Frage kommen. Der Norden sei zu heiß, der Süden nur für Schafzucht geeignet. Nach den Temperaturen, die ich bisher in den Provinzen Buenos Aires und Santa Fé erlebte und die bis an 40 Grad reichen, möchte ich der ersten Ansicht beipflichten. Allein ich habe hier stets gefunden, daß man selbst sehen muß, und die Kenntnis der Porteños, der Bewohner von Buenos Aires, von den äußeren Gebieten des Landes geht in der Regel nicht sehr weit.

Was die Besitztitel betrifft, so wird immer wieder über die Schwierigkeit geklagt, solche zu erlangen. Die Regierung gibt wohl Land zu billigen Preisen ab, allein ohne Besitztitel. Mitunter sitzen Leute zehn, fünfzehn und mehr Jahre auf ihrem Kamp, dessen Wert sich inzwischen durch ihre Arbeit verfünffacht und verzehnfacht hat, und können keine ordentlichen Besitztitel erhalten.

Auf der Fahrt hierher erzählte mir ein Deutscher, der in eine Zuckerfabrik des Nordens auf Arbeit fuhr, seine Geschichte. Ihm war in Paraguay Regierungsland zu günstigen Bedingungen übertragen. Nachdem er sein ganzes Kapital hineingesteckt und ein paar Jahre darauf fleißig gearbeitet hatte, meldete sich eine argentinische Landgesellschaft als Besitzerin und wies rechtskräftige Titel vor. Alle Reklamationen der deutschen diplomatischen Vertretung blieben fruchtlos. Der Mann mußte sein Vieh verkaufen und Grund und Boden verlassen. Ich habe denselben Vorgang nicht einmal, sondern wohl ein dutzendmal gehört, nicht nur aus Paraguay, sondern auch aus Argentinien. Ich kann ihre Wahrheit nicht nachprüfen, allein die Häufigkeit, mit der man sie hört, macht stutzig. Der einzelne, ohne genügend Kapital, ohne Rückhalt und vor allem ohne Verbindungen und „amigos“ kann sich jedenfalls nicht genug vorsehen, ehe er sein Geld in Land anlegt.

Bleibt die Vermittlung der Kolonisationsgesellschaften. Die Mehrzahl arbeitet auf kapitalistischer Grundlage, andere auf genossenschaftlicher oder wie die des Baron Hirsch auf gemeinnütziger Basis. Nicht alle bestehenden Kolonisationsgesellschaften haben sich immer einwandfrei betätigt. Es sind Fälle vorgekommen, daß sie an Kolonisten Land gaben, das so mit Hypotheken überlastet war, daß die Käufer es nicht halten konnten. Von den Gesellschaften, die sich neu in Deutschland gebildet haben, sind ein Teil reine Schwindelunternehmungen, denen es lediglich auf Gimpelfang ankommt. Andere verfügen wohl über guten Willen, aber nicht über die erforderlichen Kenntnisse, Erfahrungen und Verbindungen. Daß in ihrem Vorstand Männer sitzen, die früher einmal in Argentinien waren, genügt nicht. Vor allem darf man nicht vergessen, daß zwischen Buenos Aires und dem Land ein himmelweiter Unterschied ist. Man kann jahrelang in der Hauptstadt sitzen, ohne vom Kamp etwas zu verstehen. Dabei mag von solch grotesken Fällen ganz abgesehen werden, daß sich hier bei amtlichen Stellen als Vertreter deutscher „Siedelungs- und Kolonisationsunternehmungen“ Herren meldeten, mit der Absicht, Land zu kaufen, die weder von Argentinien, noch von Landwirtschaft, noch von der spanischen Sprache eine Ahnung hatten.