Es ist bedauerlich, daß durch solche Schwindelunternehmungen der Gedanke der Kolonisationsgesellschaft diskreditiert wird und unter Umständen auch gutfundierte und gutgeleitete Gesellschaften zu leiden haben; denn dieser Gedanke stellt den einzigen Weg dar, eine große deutsche Einwanderung gut unterzubringen. Vorbedingung ist jedoch, daß deutsches und argentinisches Kapital zusammenarbeitet, unter enger Fühlungnahme mit den beiden Regierungen und unter Ausschaltung von Spekulationsgewinnen.

Der gegebene Mittler wäre das deutsch-argentinische Kapital, das bei gutem Willen ohne Schwierigkeiten über die erforderlichen Mittel verfügen würde, um selbst sehr großzügige Siedelungsunternehmungen zu finanzieren. Seit Ende 1919 ist auch die Frage einer Siedelungsaktiengesellschaft erörtert worden. Kommissionen haben getagt. Es ist jedoch nichts dabei herausgekommen. Nach den Äußerungen des Direktors der Überseeischen Bank hätten alle Berechnungen ergeben, daß nicht einmal eine bescheidene Verzinsung der aufgewendeten Kapitalien zu erwarten sei. Ich kann diese Behauptung noch nicht nachprüfen. Wenn aber das betreffende Komitee weiter einstimmig zu der Ansicht kam, daß mit einem derartigen Unternehmen den Einwanderern selbst kaum ein Dienst erwiesen würde, so wird man stutzig.

Bei dem großen Mehrwert, den eine großzügige Kolonisation für alle Beteiligten bedeuten würde, kann man sich des Gedankens nicht erwehren, daß einigen, und gerade den kapitalkräftigsten, Mitgliedern der deutschen Kolonie die Einwanderung aus der Heimat unsympathisch ist. Man hört mitunter die Meinung, daß sie die sozialistische Gesinnung deutscher Kolonisten fürchten. Vielfach sollen sie auch schlechte Erfahrungen mit deutschen Arbeitern gemacht haben.

Deutsches Kapital, das wohl verfügbar wäre — denn nach menschlichem Ermessen gibt es für mitteleuropäische Gelder kaum eine sicherere Anlage als in argentinischem Grund und Boden —, kann sich nur in Form von Maschinen, Werkzeug und Waren beteiligen. Schon aus diesem Grunde bedarf es der Mitwirkung argentinischer Firmen. Sperrt sich das deutsch-argentinische Kapital noch länger, so wird rein argentinisches Kapital die Sache machen, ja, es wird sogar behauptet, daß Ententekapital darauf lauere, sich der deutschen Einwanderung als eines guten Spekulationsobjekts zu bemächtigen, was nicht so unwahrscheinlich ist.

Ein derartiges Siedelungsunternehmen müßte als Kolonisations- und Handelsunternehmung gegründet werden, um die aus Deutschland gelieferten Waren in eigener Regie veräußern zu können und andrerseits die auf der Kolonie erzeugten Produkte direkt nach Deutschland zu liefern. Es müßte weiterhin versuchen, Einfluß auf die Verschiffung der Einwanderer zu nehmen, wenn es nicht eigene Schiffe erwirbt. Im Anschluß daran ließe sich die Frage der Verpflanzung deutscher Industrien nach Argentinien lösen.

Es muß etwas geschehen, womöglich ehe eine deutsche Masseneinwanderung hier eintrifft. Darum ist es Zeit zu einem lauten, weithin vernehmlichen Caveant Consules! Was die deutschen Einwanderer brauchen, ist nicht Warnung und Rat und bestenfalls Arbeitsvermittlung, sondern die rasche Beschaffung von billigem Land.

Auch der argentinische Staat sollte daran interessiert sein. Eine planmäßig geförderte und systematisch geleitete deutsche Einwanderung würde nicht nur dem Lande eine Fülle wertvollster Kräfte zuführen, sondern eine gerechte und großzügige Lösung der Landfrage würde der argentinischen Republik das schaffen, was ihr noch fehlt: einen gesunden und kräftigen Bauern- und Mittelstand, und damit die beste Sicherung gegen die sozialen Gefahren, die die gegenwärtige Besitzverteilung des Landes und die Latifundienwirtschaft unheilschwanger in sich bergen.

7. Die großen Estancien.